Samstag, 24. Januar 2026 von Karin S. Wozonig
Schlagworte: ,
Veröffentlicht in 19. Jahrhundert,Literatur,Welt | Keine Kommentare

„Erstritten ist besser als erbettelt.“

Das sagt Marie von Ebner-Eschenbach, fast beste Freundin von Betty Paoli. Und es ist das Motto einer Veranstaltung am 29. Jänner in der Wienbibliothek, die ich mir nicht entgehen lassen werde. Da sprechen die Autorin Theodora Bauer (über ihre Novelle Glühen habe ich an anderer Stelle berichtet) und die Regisseurin und Autorin Anna Luca Krassnigg, die in diesem Blog schon mehrere Auftritte hatte, mit Ebner-Eschenbach-Biographin Daniela Strigl über die beste Aphoristikerin deutscher Sprache und die klügste österreichische, realistisch-naturalistische Erzählerin (Männer sind mitgemeint).

Sonntag, 5. August 2018 von Karin S. Wozonig
Schlagworte: , , , ,
Veröffentlicht in 19. Jahrhundert,Literatur,Welt | Keine Kommentare

Thalhof-Sommertheater und Ebner-Eschenbachs zielbewusstes Wollen

Marie von Ebner-Eschenbachs Werk wieder bekannt zu machen, ist ein Verdienst und dafür ist fast jedes Mittel recht, und sei es, dass man die Erzählung „Mašlans Frau“ (1897) dramatisiert auf die Bühne bringt und praktisch im selben Atemzug mit einem neuen Stück von Anna Poloni spielt („Tiefer als der Tag“– ähnliche Figurenkonstellation, ähnliche Konflikte, aber halt doch ganz, ganz anders). So geschehen am Thalhof und noch bis zum 1. September.

Intendantin und Autorin Anna Maria Krassnigg traut sich was und was dabei herauskommt, ist sehenswert. Voriges Jahr hat sie mit der Dramatisierung von Ebner-Eschenbachs „Die Totenwacht“ (1892) unter dem Titel „Am Ende eines kleinen Dorfes“ ein dickes Brett gebohrt, dieses Jahr macht sie damit weiter. Wenn Krassnigg mit ihrer Ebner-Eschenbach-Trilogie durch sein wird (ab 9. 8. ist „Das tägliche Leben“ zu sehen), wird sie drei der beeindruckendsten Texte aus dem Prosawerk Ebner-Eschenbachs unters Sommertheatervolk gebracht haben.

Die Schauspieler bzw. die Schauspielerin der Thalhofer Wortwiege leisten bei „Mašlans Frau“ ganze Arbeit und dass das am Sterbebett Mašlans aufgerollte Beziehungsdrama nicht langweilig wird, ist dem demonstrativ abgeklärten Arzt mit weichem Kern (gespielt von Martin Schwanda) und dem idealistischen Pfarrer mit böhmischer (?) Sprachfärbung (Daniel F. Kamen) zu verdanken. Mir war die Gstrein in der titelgebenden Rolle wieder zu g‘fühlig, aber dass sie spielen kann, das steht fest. Jens Ole Schmieder als Mašlan hingegen hat seinen schauspielerischen Glanzpunkt erst als aus dem Bauernschrank kippende Leiche. Höchst gelungen sind die Kostüme von Antoaneta Stereva und auch das Bühnenbild von Lydia Hofmann ist stimmig.

Dass jetzt ausgerechnet ihre Erzählungen auf die Bühne gebracht werden, ist ein bisschen seltsam, bei der durch Überambition und Kritik verhinderten Bühnenautorin Ebner-Eschenbach, über deren Werden, Leben und Denken Krassnigg und Daniela Strigl geistvoll und kurzweilig gesprochen haben.

Krassnigg hat für ihr anspruchsvolles Sommertheater drei Texte gewählt, die bei Ebner-Eschenbachs erster und wichtigster Kritikerin Betty Paoli wahrscheinlich unter den (mit sittlichen Vorbehalten) zu lobenden wären und die Paolis Urteil, gefällt anlässlich des Erscheinens der „Neuen Erzählungen“, bestätigen:

Marie v. Ebner ist mehr als eine talentvolle Schriftstellerin, sie ist durch und durch eine echte Künstlerin, die nicht mit der Hoffnung auf zufälliges Gelingen, sondern mit zielbewußtem Wollen an die Arbeit geht. Wohl wissend, daß nur mittels der Form das Schöne uns bewußt werden kann, pflegt sie dieselbe mit einer bis ins Kleinste gehenden, sich aber nie ins Kleinliche verlierenden Sorgfalt. Ihr Stil ist von seltener Reinheit, Frische und Natürlichkeit, die Führung des Dialogs so lebendig, daß sich in kurzen, abgerissenen Sätzen oft ein ganzer Charakter ausspricht. Hier hat sich einmal ein großes Talent mit einem seiner würdigen Gemüt zusammengefunden.
Betty Paoli, „Presse“, 24. Juni 1881

Am Donnerstag folgt die Premiere von „Das tägliche Leben“, gekoppelt mit Theodora Bauers Stück „Am Vorabend“.

Leuchtendes Namedropping

Evelyne Polt-Heinzl hat mit „Raxleuchten I“ eine schöne Collage aus Texten zum Thema Reichenau und Umgebung zusammengestellt. Gelesen und gespielt werden sie von Anna Maria Krassnigg und Martin Schwanda mit höchst präziser und gefühlvoller Musikbegleitung durch das Simply Quartet-Quartett. Das findet in einem einfachen, effizienten Bühnenbild statt, gestaltet von Lydia Hofmann in Kooperation mit Mutter Natur, die die Aussicht vom Thalhof einschließlich Nebelschwaden, Sonnenschein und zuverlässig auch Regen liefert, von denen in den vorgetragenen Gedichten, Briefen, Tagebüchern und Zeitungsfeuilletons die Rede ist.

Von Wanderlust (Ludwig Gabillon) und Arbeitsurlaub mit Herzschmerz (Lenau), von touristischer Erschließung (Daniel Spitzer) und gesellschaftlicher Bedeutung (Johann Nestroy) ist die Rede. Es dichten über Steine und Schmetterlinge: Feuchtersleben und Hebbel; es beschwert sich über das Wetter: Marie von Ebner-Eschenbach. Und am Ende kommt Bettina Holzapfel-Gomperz zu Wort, die Nichte vom Schwippschwager von Helene Bettelheim-Gabillon. Und jetzt kommt der Hammer: Auch ein O-Ton von Betty Paoli (es geht – nicht untypisch – um eine Augenentzündung) ist auf der Bühne zu hören, danke, danke, danke!

Und damit nicht genug. Im vorausgehenden höchst informativen und kurzweiligen Salongespräch nach einem Namen gefragt, den man sich merken sollte aus der Riege der kaum bis gar nicht mehr bekannten Autorinnen und Autoren, antwortet Evelyne Polt-Heinzl: Betty Paoli. Was die kann, das wissen Sie, liebe Leserin, lieber Leser dieses Blogs, das erzähle ich Ihnen da ja schon seit 2008. Was die anderen Reichenau-Rax-Thalhof-Besucherinnen und -Besucher des neunzehnten Jahrhunderts zu sagen haben, sollten Sie sich anhören: Raxleuchten I spielts noch bis 27. August.

Montag, 7. August 2017 von Karin S. Wozonig
Schlagworte: , ,
Veröffentlicht in 19. Jahrhundert,Literatur,Welt | Keine Kommentare

Sommertheater mit Blick auf patriarchale Brutalität

Das hätte schief gehen können: Die Stimme aus dem Off in der grandiosen Erzählung „Die Totenwacht“ von Marie von Ebner-Eschenbach wird dramatisch in der toten Mutter personifiziert, und gemeinsam mit der nicht korrumpierbaren vergewaltigten Protagonistin Anna enthüllt sie die patriarchale Brutalität in der ärmlichen Behausung. Die befindet sich „Am Ende eines kleinen Dorfes“, so der Anfang der Erzählung, den die Regisseurin Anna Maria Krassnigg ihrer Produktion am Thalhof in Reichenau als Titel mitgibt.

Doina Weber spielt die tote Mutter. Zu Beginn des Stücks liegt sie aufgebahrt in einer Art Fensternische. Die Requisiten-Fenster (stammen die eigentlich von der Thalhof-Baustelle?) auf und die echten Fenster hinter der Bühne des Theaterraums sind, bis hin zum abschließenden cleveren Regieeinfall, ihre props. Durch diese Fenster wirft sie Blicke in die Vergangenheit mit dem saufenden, prügelnden Vater und auf das Geschehen der Gegenwart, in der Anna auf Georg trifft, den reichen Nachbarssohn, der sie vergewaltigt und mit dem dabei gezeugten Kind alleingelassen hat, seine Vaterschaft abstreitend.

Georg kommt, um Anna in der Nacht der Totenwacht zu sagen, dass ihre Mutter ihm verziehen habe – bis kurz vor ihrem Tod hat sie ihm noch gedroht, ihn beim Herrgott zu verklagen – und er jetzt bereit sei, Anna zu heiraten. Petra Gstrein gibt eine für meinen Geschmack etwas gefühlige, aber überzeugende Anna. Auch das hätte schief gehen können: eine Erzählung der immer an ihrem Deutsch feilenden Autorin Marie von Ebner-Eschenbach, deren Figuren, wenn sie am Ende eines kleinen Dorfes (in der Erzählung übrigens im Marchfeld) wohnen, einen literarisierten Dialekt sprechen, als Teil-Mundartstück zu inszenieren. Aber beide Ideen gehen beinahe restlos auf: die im Leben „übergute“ und in der wesentlichen Sache ahnungslose tote Mutter als Erzählerin und die emanzipierte, starke Anna als eigentlich weichherzige Tirolerin. Da steht quasi ein Aphorismus Ebner-Eschenbachs auf der Bühne: „Wir werden vom Schicksal hart oder weich geklopft, es kommt auf das Material an.“

Von der Erzählung fehlt übrigens in dieser Inszenierung praktisch kein Wort und das spricht für beide. Nicht ganz so gelungen ist die Darstellung der rhetorischen Kargheit von Georg, in der Erzählung das Ergebnis einer ambivalenten Mischung aus Arroganz, Verlegenheit und Unbeholfenheit. Während die popkulturelle Assoziation bei der mit Totenbinden umwickelten Mutter zum Film „Die Mumie“ gleich wieder verfliegt – übrig bleibt vielleicht die religiöse Anspielung auf den von den Toten erweckten Lazarus –, sind die Schnaufer und Grunzer von Georg, gespielt von Jens Ole Schmieder, die sehr an Arnold Schwarzenegger als „Conan der Barbar“ erinnern, nur schwer auszublenden oder als Zeichen mangelnder Eloquenz zu integrieren. Insgesamt ist das Stück aber erstklassiges, gewagtes Sommertheater.

Literarische Steilvorlage

In der Umgebung von Reichenau kann man gut wandern. Das hat schon der große, schöne Burgschauspieler Ludwig Gabillon gewusst, der 1854 über Reichenau und das Höllental nach Mariazell gegangen ist, wie wir aus einem Brief an seine sehr enge Freundin Betty Paoli wissen. Heutzutage kann man vorher, nachher oder stattdessen auf der Terrasse vom Knappenhof sitzen und die Aussicht bewundern; oder die gastfreundliche Gelassenheit der Chefin.

Ein gelungener Abschluss eines Tages in Reichenau und Umgebung könnte zum Beispiel auch ein Besuch im Thalhof sein. Dort gibt es ein feines Kulturprogramm, gestaltet vom „Salon 5“ unter dem vertrauenerweckenden Motto „in plot we trust!“; zum Beispiel einen Soloabend mit Texten von Virginia Woolf („Der Fels und die Wellen“), eine beeindruckende schauspielerische Leistung von Petra Gstrein. Aber das haben Sie verpasst, zumindest im Thalhof.

Was Sie auf jeden Fall im Thalhof sehen können, ist die beklemmend gute Erzählung „Die Totenwacht“ von Marie von Ebner-Eschenbach, entstanden 1892, in dramatisierter Form. Regie führt Anna Maria Krassnigg, Premiere ist am 4. August. Petra Gstrein – wenn sie immer so intensiv spielt, wie in dem Virginia-Woolf-Monolog, gern auch „die Gstrein“ – spielt Anna, eine Frau, die sich weigert, ihren Vergewaltiger zu heiraten. Das ist nur eine mögliche Interpretation der Gewalterfahrungen, von denen die Figur geprägt ist. Eindeutig ist, dass Anna nicht bereit ist, sich für äußerlich bequemere Bedingungen, z.B. ein schönes Haus, innerlich zu verbiegen.

Sicher interessant wird „Raxleuchten“, eine „szenisch-musikalische Reise durch 200 Jahre Thalhof-Literatur“, zusammengestellt von Evelyne Polt-Heinzl, Mitherausgeberin der neuen Ebner-Eschenbach-Leseausgabe. Premiere von „Raxleuchten“ ist am 6. August. Auch ein Salongespräch mit Polt-Heinzl wird es geben.

Auf Marie von Ebner-Eschenbach trifft wohl auch zu, was im Programm des Thalhofs mit einem Rax-steilen Superlativ über Virginia Woolf gesagt wird: Ihre unausweichlichste Beziehung war die zu ihrem eigenen Schreiben.