Donnerstag, 30. Dezember 2010 von Karin S. Wozonig
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Geburt einer Pythia

Heute vor 196 Jahren wurde Betty Paoli geboren.

Betty Paoli: „Die Pythia“

Ich dichte nicht in frohen Stunden –
Mein Leben ist an solchen leer!
Ich dichte nicht, um zu gesunden –
Genesung gibts für mich nicht mehr.

Ich dichte nicht, um zu erstreben
Des Ruhmes gleißnerische Pracht,
Die, statt Unsterblichkeit zu geben,
Ein zweites Mal nur sterben macht.

Ich dichte nicht, um mich zu krönen
Mit meiner Leiden Dorngeflecht;
Die Menge würde mich verhöhnen
Und sprechen: Es geschah Dir Recht!

Mein Lied quillt aus demselben Borne,
Aus dem das Wort der Pythia brach,
Als rauh und wild im Siegerzorne
Der Macedonier zu ihr sprach.

Des Schicksals nachtumflorten Willen,
Der Zukunft keimevollen Grund
Sollt‘ ihm ihr Seherspruch enthüllen,
Allein verschlossen blieb ihr Mund.

Doch nichts kann sein Verlangen wenden,
Nichts beugen seinen starren Sinn!
Mit frevelhaft vermessnen Händen
Faßt er die bleiche Priesterin.

Zum Schlunde, dunkel, unergründlich,
Drängt er sie zürnend mit Gewalt,
Bis: »Ja! du bist unüberwindlich!«
Sie angst- und zorndurchschauert lallt. –

Sonntag, 26. Dezember 2010 von Karin S. Wozonig
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Weihnachten auf dem Semmering

Wenn man in diesen Tagen in den Wäldern des Semmeringgebietes lustwandelt, erhält man den Eindruck, daß Wien eigentlich nicht zu Hause sein müsse, sondern sich hier oben in herrlicher Alpenluft Rendezvous gegeben habe. Es ist gegenwärtig stark bevölkert, das Semmeringgebiet, und auf Schritt und Tritt begegnet man bekannten Persönlichkeiten. Die Reize unseres österreichischen Rigi sind zur Winterszeit vielleicht noch verführerischer und lockender als im Sommer, und es ist nachgerade Mode geworden, den Semmering im Schneegewande zu besichtigen. Diese Mode ist einmal recht vernünftig und die Menschen, die ihr huldigen, sind klug. Wer an einem schönen Wintertage die Pracht und Schönheit der entzückenden Semmeringlandschaft auf sich hat wirken lassen, der wird sicher ein begeisterter Anhänger des Semmeringkultus. Es ist darum auch kein Wunder, daß geplagte Bureau- und Stadtmenschen die Feiertage dazu benützen, um dem Lärm und Treiben der Großstadt zu entfliehen und sich für kurze Zeit der friedlichen, stillen Natur hinzugeben. …

Notiz aus der Neuen Freien Presse, 25. Dezember 1903.

Sonntag, 19. Dezember 2010 von Karin S. Wozonig
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Lesen im Schnee

Ich habe seit einigen Wochen einen eBook-Reader und es ergeht mir wie Ruth Klüger, die bei der Eröffnungsrede zur BuchBasel („Bekenntnisse einer süchtigen E-Book-Leserin“) im November von dieser Erfindung schwärmte. Klüger sieht ihren Kindle als Erweiterung dessen an, was wir bisher als Buch kannten. Um die Buchstaben gehe es, um das Lesen, meint die Literaturwissenschaftlerin und Autorin, (deren Buch „weiter leben“ ich – in jeder Form – empfehle). Wer nicht besonders gut sieht und manchmal auf Reisen ist, wird einen eBook-Reader zu schätzen wissen. Ich verlasse das Haus nicht mehr ohne ihn – die Gefahr, ohne Lektüre in einem eingeschneiten Zug festzusitzen, ist gebannt.

Donnerstag, 16. Dezember 2010 von Karin S. Wozonig
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Konsumgesellschaft

Das heutige Kaffeehausgespräch, der monatliche literarische Salon, den ich gemeinsam mit dem Sozialwissenschaftler Detlef Thofern leite, widmet sich dem Thema „Konsum“. Aus diesem Anlass möchte ich die Worte des Warenhausbesitzers Octave Mouret aus „Das Paradies der Damen“ von Emile Zola (1883) zitieren, der seinem Bankier erklärt,

der Handel basiere jetzt auf der ununterbrochenen und raschen Umsetzung des Kapitals, wobei es darum gehe, dieses so oft wie möglich innerhalb eines Jahres in Waren zu verwandeln… Wir bedürfen keines großen Betriebskapitals. Wir müssen uns lediglich bemühen, uns sehr schnell der eingekauften Waren zu entledigen, um sie durch andere zu ersetzen… Auf diese Weise können wir uns mit einem kleinen Gewinn begnügen… Nur werden daraus schließlich doch Millionen, wenn man nur mit erheblichen Warenmengen arbeitet, die unaufhörlich erneuert werden.

Sonntag, 12. Dezember 2010 von Karin S. Wozonig
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Kunst und Natur nach Hebbel

Die Kunst ist eine zusammengepresste Natur und die Natur eine auseinandergelaufene Kunst.

Friedrich Hebbel

Mittwoch, 8. Dezember 2010 von Karin S. Wozonig
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Naturbetrachtung nach Friedrich Hebbel

Die Natur hat mit dem Menschen in die Lotterie gesetzt und wird ihren Einsatz verlieren.

Friedrich Hebbel

Sonntag, 5. Dezember 2010 von Karin S. Wozonig
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Quellen und Strömungen germanistischer Forschung

Ich hatte das Vergnügen, an der Konferenz „Uferdasein. Quellen und Strömungen germanistischer Forschung“ im winterlichen Ústí nad Labem teilzunehmen. In meinem Vortrag habe ich mir Gedanken gemacht über die evolutionsbiologisch interessierte Literaturwissenschaft, die mich seit dem Darwin-Jahr 2009 beschäftigt. Dank an die Organisatorinnen und Organisatoren!

Freitag, 26. November 2010 von Karin S. Wozonig
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Mutige Frau

George Sand. Die Sand ist doch ein ungewöhnliches Weib, was man auch sonst über sie denken und sagen möge. Das hat sie denn neuerdings bewiesen durch die Offenheit, mit der sie ihren 40sten Geburtstag gefeiert hat; eine gewöhnliche Frau würde diesen Moment in Nacht und Vergessenheit begraben haben.

Sonntags-Blätter, 12. November 1843, Nr. 46, S. 1089

Dienstag, 16. November 2010 von Karin S. Wozonig
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Salon und Messe 3

Um meine Mini-Serie zur Ankündigung des nächsten Kaffeehausgesprächs abzuschließen, zitiere ich Goethe – oder wars Schiller? – in Reaktion auf die Äußerung Joseph II., Bücher seien wie Käse zu verkaufen:

Mit dem Käsehandel verglich er Euer Geschäft?
Wahrlich der Kaiser, man sieht’s, war auf dem Leipziger Markt.

Mittwoch, 10. November 2010 von Karin S. Wozonig
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Salon und Messe 2

Nicht nur Joseph II. soll im Zusammenhang mit dem Thema des nächsten Kaffeehausgesprächs (Buchmessen) zu Wort kommen, sondern auch Freiherr Knigge, (der übrigens selbst schon einmal Gesprächsstoff für den Salon geliefert hat):

Der müßige Haufen will ohne Unterlaß etwas Neues hören; ernsthafte, wichtige Werke werden von den Buchhändlern nicht halb so gern in Verlag genommen und vom Publikum nicht halb so eifrig gelesen als jene Modeware; wenn man sich nun herabläßt, die Wahrheiten, die man zu sagen hat, wenigstens in ein solches Gewand zu hüllen, wie es der große Haufen gern sieht, so läuft wohl freilich je zuweilen ein unnützes Wort mit unter, und das ist vielleicht auch mein Fall gewesen.
Knigge: Über den Umgang mit Menschen, 3. Aufl. 1790