Donnerstag, 3. Dezember 2009 von Karin S. Wozonig
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Vom Manuskript besessen

In ihrem Roman „Possession“ hat A. S. Byatt einer besonderen Spezies ein Denkmal gesetzt: Der historisch arbeitenden Literaturwissenschaftlerin, die von der Vergangenheit und von den Dokumenten über Leben und Werk einer Autorin oder eines Autors besessen ist.

Ich danke Dr. Rainer Theobald (Sammlung Theobald), Spezialist für das Theater des 17. bis 19. Jahrhunderts und Verfasser von zahlreichen Aufsätzen (z.B. „‘Nur nicht zu ultraliberal!‘“ Drei Briefe von M. G. Saphir, aus den Handschriften mitgeteilt“, Nestroyana, Bd. 28, 2008), dafür, dass er meine Besessenheit unterstützt.

Sonntag, 29. November 2009 von Karin S. Wozonig
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Betty Paoli an Josephine von Knorr

Wien 29 November 1877.
Theuerste Baronin!

Störungen aller Art, – darunter auch längeres Unwohlsein, – haben mich verhindert Ihnen für Ihre freundlichen Glückwünsche und das sie begleitende Geschenk schon früher zu danken. […]

Ich dachte häufig an Sie, liebste Baronin, in den prachtvollen Tagen, welche dieser Herbst uns ausnahmsweise brachte, ich erinnere mich keines so heiteren, sonnigen Novembers. Da muß das Leben auf dem Lande, trotz der kurzen Tage, doch recht angenehm gewesen sein, man konnte ja viele Stunden im Freien verbringen. Jetzt gehen Sie wohl bald nach Salzburg und dann nach Paris. […]

Hier in unserem kleinen Kreise spinnt sich das gewohnte Leben fort, nur mit dem betrübenden Unterschied, daß Sie und Frau von Littrow fehlen. […]

Leben Sie wohl, theuerste Baronin, und empfangen Sie wiederholt meinen beßten Dank für ihre freundliche Erinnerung. Mit den herzlichsten Wünschen für Ihr Wohlergehen und die ungehinderte Durchführung Ihrer Reiseprojekte
Ihre wahrhaft ergebene Betty Paoli

Josephine Freiin von Knorr (1827-1908) war Lyrikerin, Übersetzerin und Briefpartnerin von Marie von Ebner-Eschenbach. Durch Knorrs Vermittlung lernte Ebner-Eschenbach Franz Grillparzer und die Schwestern Fröhlich kennen.

Freitag, 20. November 2009 von Karin S. Wozonig
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Betty Paoli in Europa

Weibliche Autoren giebt es relativ wenig in Wien. Betty Paoli, Ada Christen und die Baronin von Ebner-Eschenbach halten indessen die Fahne der Frauenliteratur zur Ehre ihres Geschlechtes ziemlich hoch. Betty Paoli, ein Talent erster Ordnung, ein edler Geist und edles Herz, ist durch ihre lyrischen Gedichte eine europäische Berühmtheit geworden.

Paul Vasili [Katharina von Radziwill]: Die Wiener Gesellschaft. 2. Auflage. Leipzig: H. le Soudier 1885. S. 304f.

Montag, 9. November 2009 von Karin S. Wozonig
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Betty Paoli intertextuell 2.0

Betty Paoli war in ihrer Zeit eine der populärsten Lyrikerinnen, was sich auch darin niederschlägt, dass ihre Verse in anderen literarischen Werken zitiert werden.

„Der Kampf, der mich zur Vernunft gebracht hat, war schwer, aber kurz, gottlob. Statt eines Führenden bin ich ein Dienender geworden.
‚Ich dien‘! Den Wahlspruch stark und mild
Trug jenes Luxemburgers Schild,
Der kämpfend bei Crécy gefallen.'“
Kamilla hatte ihm mit hingebendem Interesse zugehört. Daß er so offen über sich selbst mit ihr sprach, war ihr schmeichelhaft, und als der Dragonerleutnant nur gar Verse von Betty Paoli, ihrer Lieblingsdichterin, zitierte, erschien er ihr als das entzückendste aller Phänomene.

Marie von Ebner-Eschenbach: Der Herr Hofrat. Eine Wiener Geschichte

Mittwoch, 4. November 2009 von Karin S. Wozonig
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Unterwegs mit Kyselak und Duna

Kleinstätten (oder St. Michael). Bei diesem Dorfe hielt ich das neue Schloß mit seinen vier Türmen nicht der Besichtigung wert; ebenso wenig Reiz hatten die Gemeinden Groschach, eine halbe Stunde davon Katzelsdorf, dann über einer Berghöhe Wies; schlechter Feldbau, Waldverwüstung und unbeträchtliche Viehzucht geben kein gutes Vorurteil von den Besitzern. Die Gemeinden Pölfing, Brunn, Jagernigg, im Marburger-Kreise liegend, gehören zur Herrschaft Purgstall, und sind etwas mehr gepflegt.

Für den Steiermark-Urlaub empfehle ich die Lektüre von Kyselak. Skizzen einer Fussreise durch Österreich, gedruckt 1829 in Wien und neu herausgegeben und kommentiert von Gabriele Goffriller (Jung und Jung 2009).

Dienstag, 20. Oktober 2009 von Karin S. Wozonig
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Mein Beitrag zum Darwin-Jahr 5

Dass Menschen, die sich den Geistes- und Kulturwissenschaften widmen, auch etwas zur biologischen Evolution zu sagen haben, liegt in der Natur der biologischen Evolution: Ihre Beschreibbarkeit und ihre „Beschriebenheit“ sind ein kulturell und gesellschaftlich relevantes Geistesprodukt.

Dass diese Menschen sich in Bezug auf die hinter der Beschreibung liegende Wirklichkeit gelegentlich auf dem Kenntnisstand des 19. Jahrhunderts befinden, kann passieren. Ich persönlich finde das nicht besonders schlimm. Andere scheint das Anachronistische im geistes- und kulturwissenschaftlichen Reden über die Evolutionsbiologie aber aufzuregen, so z.B. den Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera.

Nicht um seinen, im Lichte des seit Jahrzehnten üppig wuchernden Diskurses über die Unterschiede der „Zwei Kulturen“ (C. P. Snow 1959) unbedeutenden Text geht es in meinem heutigen Beitrag zum Darwin-Jahr, sondern um eine Replik darauf. Diese stammt von dem gelegentlich etwas gestelzt schreibenden aber klugen Kulturtheoretiker Remigius Bunia. Die Replik trägt den Titel „Wir Verbalwissenschaftler“ (womit alle gemeint sind, die sich wissenschaftlich mit Sprache beschäftigen, ein sehr weiter, aber durchaus praktischer Begriff) und endet in einer hübschen Doppelvolte:

Daher lässt sich Kutscheras Diktum über das ,Licht der Biologie‘ unter Abwandlung eines anderen Wittgenstein-Zitats verallgemeinern und zugleich zurückweisen: ,Die Naturwissenschaft ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Allpräsenz der Sprache.‘ Im Gegenzug, so wäre hinzuzufügen, können Verbalwissenschaftler aber davor schützen, dass sich neue Allpräsenzen – etwa eine Allpräsenz der Biologie – durchsetzen.

Dienstag, 13. Oktober 2009 von Karin S. Wozonig
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Das Leid der Myrte

Ob Rudolf von Gottschall recht hat, die dichtenden Frauen in zwei Gruppen, nämlich verheiratete und solche einzuteilen, die nie das Leid und die Freuden der Ehe kennen lernten, möge schon aus dem Grunde dahingestellt bleiben, weil er in geistreicher und witziger Weise zwar den ersteren den Preis zuerkennt, als größte Dichterinnen des XIX. Jahrhunderts aber die Freiin Annette von Droste-Hülshoff und Betty Paoli nennen muss, deren Locken, wie bekannt, nie die Myrte schmückte.

Karl Schrattentahl: Die deutsche Frauenlyrik unserer Tage. Mitgabe für Frauen und Töchter gebildeter Stände. Leipzig: Naumburg [1892]

Samstag, 3. Oktober 2009 von Karin S. Wozonig
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Mehr über Fürst Friedrich Schwarzenberg

Betty Paoli, die damals nur erst sinnige Dichterin, noch nicht Recensentin des Burgtheaters und Kritikerin, wohnte im Hause der Fürstin von Schwarzenberg, einer ehrwürdigen unterrichteten, scharfurtheilenden Dame, deren Sohn oder Neffe, ich weiß es nicht, der bekannte „Lanzknecht“ war. Letzterer, Fürst Friedrich Schwarzenberg, vertrat eine politische Anschauung, die noch über die Metternich’sche hinausging. […] Diese Weltanschauung ist eine dem österreichischen Adel so gemeinsame, daß sie sich sogar mit allen Blumen moderner Bildung, mit Citaten aus Byron, Ironieen aus Heine bei ihm verbindet. Selbsterlebtes, „als Manuscript gedruckte“ Erinnerungen an Sonnenuntergänge auf Ischia und Capri, hier ein Bonmot vom Fürsten Ligne, dort eine Strophe von Manzoni – das ist die Schule, der sogar Kaiser Maximilian, der Aermste, das Opfer von Queretaro, angehörte. Liest man, was der letztere geschrieben, so möchte man sagen, seine Mission sei gewesen, Feuilletonist einer wiener Zeitung zu werden.

Karl Gutzkow: Rückblicke auf mein Leben. Berlin: Hofmann, 1875, S. 287f.

Mittwoch, 30. September 2009 von Karin S. Wozonig
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Der Fürst im Almanach

Die lose Reihe über Almanache in diesem Blog geht weiter mit einer Abbildung aus Libussa. Jahrbuch für 1854, einem in Prag erscheinenden Almanach, dessen Verkaufserlös wohltätigen Zwecken zukommt.

Fürst Friedrich Schwarzenberg, geboren am 30. September 1800 bei Pressburg, gestorben am 6. März 1870 in Wien, war Schriftsteller, Offizier und Gutsbesitzer. Außerdem war er ein Freund von Betty Paoli, die von 1843 bis 1848 die Gesellschafterin und Pflegerin seiner Mutter Maria Anna Schwarzenberg war. Moritz Hartmann beschreibt ihn so: „Ein romantisch-eingefleischter Aristokrat von Geist und doch gewissermaßen borniert.“

In der Libussa von 1854, dem dreizehnten Jahrgang dieses Almanachs, findet sich neben dem hier gezeigten Bild ein Prosatext von Friedrich Schwarzenberg mit dem Titel „Eine Morgenpromenade in Wien“. Dieser Text wurde bereits in der Thalia von 1847 gedruckt und ist Teil des Buchs Aus dem Wanderbuch eines verabschiedeten Lanzknechts.

Montag, 28. September 2009 von Karin S. Wozonig
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Der anonyme Anblick einer Emanzipierten

… nicht von Louise Aston, der Freischärlerin, will ich Ihnen erzählen, sondern von dem demokratischen Frauenklubb, Leipzigerstraße, der vergangenen Donnerstag, am 28. September, daselbst stattgefunden hat. […] Ehe ich weiter gehe, muß ich Ihre Neugierde befriedigen und Ihnen den Anblick einer eigentlichen Emancipirten getreulich portraitiren.

Die Emancipirte ist 25 – 40 Jahre alt. Was darüber hinausgeht, ist vom Uebel. Sie hat schwarzes, oft mit silbernen Fäden geziertes Haar, keine oder unglückliche Kinder. Sie glaubt nicht an Gott, reitet am Sonntage auf gemietheten Pferden aus, macht Volksrednern den Hof und raucht schlechte Cigarren. Wie sie ihre Existenz sichert, ist ein komplettes Räthsel.

X. X.: Zur preußischen Chronik. Feuilleton. In:  Die Presse, 10. Oktober 1848