Mittwoch, 9. Juni 2010 von Karin S. Wozonig
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Lyrische Gedichte, eine Gebrauchsanweisung, 1. Teil

Wie soll ein lyrisches Gedicht genossen werden, und was ist, und wie entsteht ein lyrisches Gedicht?

Es giebt vielleicht kein Wort, das so kurz und treffend unsere Zeit charakterisierte, als „Unrast“. Wer will sagen, wer es zuerst geprägt hat? Es ist aber durch und durch modern, es ist, um mit dem Zeitjargon zu reden, fin de siècle. … Aber Unrast ist ein Kind unserer Tage, dem Begriffe wie dem Worte nach. Es trägt den Stempel der jüngsten Gegenwart. Es bezeichnet den Dämon, der die moderne Kulturmenschheit umtreibt, es ist die Pandora-Büchse alles Unheils, wie es sich kundgiebt in der Nervosität und Sinnnenüberreizung, in der Gier nach Genuß, in dem Unfrieden der Seelen, dem blasierten Pessimismus und Materialismus, in dem Hasten nach Abwechselung, in dem Streben nach dem innerlich wertlosen Tand von äußeren Ehren und Auszeichnungen und in dem immer mehr gesteigerten Raffinement des Genießens aller Art, aber auch in der Unfähigkeit, die Gedanken und Empfindungen in aller Stille und Ruhe zu pflegen und ausreifen zu lassen und sich dem Zauber der Dichtung und der Denkarbeit der großen Geister der Menschheit in weihevoller Sammlung hinzugeben. …

Welche Frage hört man wohl heute häufiger, wenn von Poesie die Rede ist, als: Wer liest denn noch lyrische Dichtungen? Und wer so fragt, wer sich verächtlich von ihnen abkehrt, der steht eben unter dem Banne der „Unrast“ unseres Lebens. Er ist nur eine der vielen Stimmen, die da jene Abwendung von dem Idealen zu dem Praktischen und Materiellen, die Nüchternheit der Denkart, die überall den Schwung und eine höheren, auf das Allgemeine gerichteten Auffassungsweise verdrängt hat, und jene Mißachtung alles dessen, was an das Gefühlsmäßige heranstreift, verraten. [Fortsetzung folgt]

Aus: Alfred Biese: Lyrische Dichtung und neuere deutsche Lyriker. Berlin: Hertz, 1896

Donnerstag, 3. Juni 2010 von Karin S. Wozonig
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Der Beamte als Schriftsteller

Während Eduard Mautner an den kleinen Freuden des menschlichen Lebens noch immer so regen Antheil nimmt, ergibt sich ein anderer vaterländischer Dichter, Herr Cajetan Cerri, leider immer mehr tiefsinnigen Betrachtungen der bedenklichsten Art, wie die „Rückblicke und Ausblicke“ verrathen, die er in dem neuesten Bande der „Dioskuren“, des poetischen Jahrbuches des Oesterreichischen Beamtenvereins, veröffentlicht. Es ist interessant, daß die meisten österrechichen Dichter früher Beamte waren – ja, Müßiggang ist aller Laster Anfang! Ich glaube nicht, daß die Literarhistoriker schon hierauf ihr Augenmerk gerichtet haben. Nach meiner Ansicht erhalten viele unserer Beamten die dichterische Anregung durch ihre Vertrautheit mit den Schönheiten der Natur, deren geheimnißvolles Walten sie durch fortwährendes Hinausschauen zum Fenster während der Amtsstunden belauschen. Der k.k. Hof-Secretär Cerri hat diesmal die steife Uniform des Verses abgelegt und erscheint im ungezwungensten prosaischen Gedanken-Négligé.

Daniel Spitzer: Wiener Spaziergänge. NFP, 1. Januar 1881, S. 6f.

Dienstag, 25. Mai 2010 von Karin S. Wozonig
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Literarhistoriker

Der Literarhistoriker

Was nennst du ihn Schurke, alter Brummtopf?
Er verleumdet nicht, er ist nur ein Dummkopf.

Franz Grillparzer, Epigramme 1865

Donnerstag, 20. Mai 2010 von Karin S. Wozonig
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Thomas Stangl bei MALCA

Konferenz der Modern Austrian Literature and Culture Association

Von 22. bis 25. Mai 2010 findet die jährliche Konferenz der Modern Austrian Literature and Culture Association in North-America (MALCA) erstmals in Wien statt. Anna Babka und Susanne Hochreiter vom Institut für Germanistik der Universität Wien organisieren die internationale Tagung zum Thema „Überkreuzungen. Verhandlungen kultureller, ethnischer, religiöser und geschlechtlicher Identitäten in österreichischer Literatur und Kultur“. Tagungsort ist das Hauptgebäude der Universität Wien.

Teil des Programms (Montag, 24. Mai, 14.00-15.30, ÜR 5):

Donnerstag, 13. Mai 2010 von Karin S. Wozonig
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Betty Paoli, Elektrizität und Literatur

Vor einigen Tagen habe ich davon berichtet, dass die Lyrikerin und Journalistin Betty Paoli von Sigmund Freud „electrifiziert“ wurde. Es handelt sich beim Elektrisieren um eine Behandlung neurologischer Beschwerden, die Freud bei dem Französischen Arzt Jean-Martin Charcot kennengelernt hatte. Was Literatur und Elektrizität miteinander zu tun haben, können Sie in einem interessanten Aufsatz von Rupert Gaderer, derzeit Post-Doc am Graduierten Kolleg Mediale Historiographien (Bauhaus-Universität Weimar, Universität Erfurt und Friedrich-Schiller-Universität Jena), nachlesen.

Samstag, 8. Mai 2010 von Karin S. Wozonig
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Betty Paoli bei Goethes Schwiegertochter

Tagebuch Ottilie von Goethe, 8. Mai 1855: „Abends kam Fl Glück war sehr amüsant.“

Sonntag, 2. Mai 2010 von Karin S. Wozonig
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Familienliteratur

Kürzlich erschien von mir ein Aufsatz über den einzigen Roman, den Betty Paoli verfasst hat („Die Ehre des Hauses“, 1844). Details können Sie hier nachlesen.

Dienstag, 27. April 2010 von Karin S. Wozonig
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Geselligkeit mit Betty Paoli

Anfang April 1861: Also um 5 Uhr: Erster Besuch im Salon Laube, zur täglichen Empfangsstunde. Frau Iduna saß auf ihrem Sofaplatz … Laube fragte die Dichterin Betti Paoli, ob es wahr sei, daß … na, irgend etwas, das er über sie gelesen habe. „Ach“, sagte die Paoli, schlug die schönen dunklen Augen gen Himmel und machte einen Zug an ihrer langen Zigarre,  „ach nein, das hat ja nur dieser Esel von Cerri geschrieben!“ Laube: „Hier sitzt er!“

Erinnerungen an das alte Burgtheater. Von Auguste Wilbrandt-Baudius. In: Der Greif, 1. Jg.,  2. Bd. 1914

Samstag, 24. April 2010 von Karin S. Wozonig
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Wahlgedanken

Gleich und gleich gesellt sich gern,
Wer du bist, zeigt dein Begleiter,
Aus dem Knecht kennt man den Herrn,
Aus der Fahne ihre Streiter.
Was du billigst, ob nur fern,
Ist nach Tagen oder Wochen
Dein, als ob du’s selbst gesprochen.

Franz Grillparzer

Montag, 19. April 2010 von Karin S. Wozonig
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Bacillus Librorum

Der Salon „Kaffeehausgespräche“ widmet sich nicht nur der schönen Literatur (Belletristik), sondern Büchern im Allgemeinen, wie Sie am Thema des nächsten Termins – „Ratgeberliteratur“ – sehen können.

In diesem Zusammenhang möchte ich etwas zum Thema „bacillus librorum“ bemerken. Es handelt sich dabei um einen Krankheitserreger, der die Bibliomanie auslöst. Diese unterscheidet sich von der Bibliophilie dadurch, dass der Bibliomane vor verbrecherischen Taten nicht zurückschreckt, um an ein Buch zu kommen und seine Büchersammlung zu vergrößern. Die Übergänge zwischen Bibliophilie und Bibliomanie sind fließend, nehme ich an.

Entdeckt wurde der bacillus librorum im neunzehnten Jahrhundert von einem Herrn Dr. O’Rell. Das versichert glaubhaft Eugene Field (1850-1895) in seinem, tja, Roman „Love Affairs of a Bibliomaniac“ (1895).

Dr. O’Rell has an interesting theory which you will find recorded in the published proceedings of the National Academy of Sciences (vol. xxxiv., p. 216). Or, if you cannot procure copies of that work, it may serve your purpose to know that the doctor’s theory is to this effect—viz., that bibliomania does not deserve the name of bibliomania until it is exhibited in the second stage. For secondary bibliomania there is no known cure; the few cases reported as having been cured were doubtless not bibliomania at all, or, at least, were what we of the faculty call false or chicken bibliomania.

„In false bibliomania, which,“ says Dr. O’Rell, „is the primary stage of the grand passion—the vestibule to the main edifice—the usual symptoms are flushed cheeks, sparkling eyes, a bounding pulse, and quick respiration. … The sufferer now stands in a slippery place; unless his case is treated intelligently he will issue from that period of gloom cured of the sweetest of madnesses, and doomed to a life of singular uselessness.

„But properly treated,“ continues Dr. O’Rell, „and particularly if his spiritual needs be ministered to, he can be brought safely through this period of collapse into a condition of reenforced exaltation, which is the true, or secondary stage of, bibliomania, and for which there is no cure known to humanity.“

I should trust Dr. O’Rell’s judgment in this matter, even if I did not know from experience that it was true. For Dr. O’Rell is the most famous authority we have in bibliomania and kindred maladies. It is he (I make the information known at the risk of offending the ethics of the profession)—it is he who discovered the bacillus librorum, and, what is still more important and still more to his glory, it is he who invented that subtle lymph which is now everywhere employed by the profession as a diagnostic where the presence of the germs of bibliomania (in other words, bacilli librorum) is suspected.

I once got this learned scientist to inject a milligram of the lymph into the femoral artery of Miss Susan’s cat. Within an hour the precocious beast surreptitiously entered my library for the first time in her life, and ate the covers of my pet edition of Rabelais. This demonstrated to Dr. O’Rell’s satisfaction the efficacy of his diagnostic, and it proved to Judge Methuen’s satisfaction what the Judge has always maintained—viz., that Rabelais was an old rat.