Samstag, 17. September 2011 von Karin S. Wozonig
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Relative Peinlichkeit

Aus dem Tagebuch von Marie von Ebner-Eschenbach: „Flora findet die Gedichte Betty Paolis an Ida so schrecklich. Es werden sich die Leute darüber lustig machen, meint sie. Das glaube ich doch nicht.“

Dienstag, 13. September 2011 von Karin S. Wozonig
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Am 5. September

An Ida.

Als dämmernd noch das Leben vor mir lag,
Mein Herz noch nichts errungen, nichts verloren,
Nicht ahnt‘ ich da, daß mir an diesem Tag
Mein bestes Kleinod ward zur Welt geboren!

Nicht ahnte ich, daß heut‘ der hellste Stern
An meinem Horizonte aufgegangen,
Daß meines Wesens innerlichster Kern
Den vollen Abschluß heute erst empfangen.

Ich ahnt‘ es nicht; erst jetzt erkenn‘ ich’s ganz!
Nur eines kann ich auch noch jetzt nicht fassen:
Daß deiner Liebe heller Strahlenkranz
Auf meine Stirn sich mochte niederlassen.

Es heißt ja doch, daß nur um Gleich und Gleich
Die Bande sich wahrhaft’ger Freundschaft weben.
Du aber bist so reich, so überreich,
Und ich, – – was hab‘ ich Arme dir zu geben?

Nichts als mich selbst! doch diese Gabe schafft
Dir Sorgen nur und immer neue Mühen!
Denn stützen mußt du mich mit deiner Kraft,
Dein böses altes Kind zum Guten ziehen.

Du mußt, bald ernst und streng, und bald gelind,
Hier raten, trösten, strafen dort und wehren,
Und die Gedanken, die das Leben sind,
Den erdgebund’nen Geist erst denken lehren.

Tief schmerzlich überkommt mich’s manchesmal:
O daß ich früher, früher dich gefunden,
Als ungetrübt noch meines Auges Strahl,
Und meine Brust noch rein von Schuld und Wunden!

Dann wäre nie des Samums glüher Hauch
Vergiftend über mich hinweggegangen!
Ich gliche nicht dem blitzversengten Strauch,
Und könnte geben, statt nur zu empfangen!

Doch, hat voreinst nicht aus des Heilands Mund
Die schmerzenmüde Welt dies Wort vernommen:
»Für jene nicht, die kräftig und gesund,
Nein! für die Kranken ist der Arzt gekommen«?

Du treuer Arzt! so hast, als, wüst und wirr,
Das Fieber mich der Leidenschaft bezwungen,
Du mich gepflegt, und liebest nun in mir
Die Beute, die dem Tod du abgerungen!

Betty Paoli: Neueste Gedichte, 1870

Dienstag, 6. September 2011 von Karin S. Wozonig
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Die selbsterfunde Lebensgeschichte

Seit Jahren beschäftigt mich die Frage, wie mit der Biographie einer Autorin oder eines Autors umzugehen ist. Sind Lebensgeschichten relevant für das Verständnis literarischer Texte? Ist es zulässig, „autobiographische Bezüge“ in Romanen zu finden oder gilt nicht viel mehr: In einem Roman ist alles, aber auch wirklich alles fiktiv (weil es andernfalls kein Roman wäre)? Und sind die Lebensgeschichten, die Autorinnen und Autoren von sich selbst erzählen, Bestandteil ihres Lebens oder ihres Werks? Was ist, wenn sie viele verschiedene Geschichten von sich erzählen, jede gleich wahr – wenn auch nicht gleich wirklich?

Die vorläufigen Ergebnisse meiner Überlegungen in Bezug auf den konkreten Fall Betty Paoli darf ich im Rahmen der Veranstaltung „Der Dichter und sein Germanist“, einem Symposion in memoriam Wendelin Schmidt-Dengler, veranstaltet vom Institut für Germanistik der Universität Wien und der Österreichischen Gesellschaft für Literatur vorstellen.

Dienstag, 23. August 2011 von Karin S. Wozonig
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Der Beginn einer Dichterinnen-Karriere

An die Männer unserer Zeit

Halb Scherz, halb Ernst

Spotten hör’ ich Euch und zürnen ob der Frauen Wankelmuth
Ob in zarten Mädchenherzen gar zu leicht entbrannter Glut,
Ob der Leere, die da waltet in so manches Weibes Sinn,
Und wie leicht es Lieb’ und Treue gibt für Erdenlust dahin;

Ob der Flachheit und des Unwerths uns’rer jetz’gen Frauenwelt,
Wie sie einzig nur verehren, was dem Auge wohlgefällt;
Wie sie – doch genug der Frevel! Rede stehen will ich Euch
Eurer Klage Antwort geben, und sie werde Euch sogleich.

Lästert feindlich nicht die Frauen! Schmäht Ihr sie, so schmäht Ihr Euch,
Denn es sind der Frauen Herzen einem reinen Spiegel gleich:
Selber ist er ohne Makel, doch das Spiegelbild seyd Ihr;
Will nun dieses nicht gefallen, ey, was kann das Glas dafür?

Seht , es ähneln Frauenherzen ungeschliffenem Demant:
Bildet liebend ihn und sorglich eine kunstverständ’ge Hand,
Wird er klare Strahlen sprühen, wird er leuchten hell und hehr,
Wird er Glanzeswogen werfen, wie ein glutentflammtes Meer.

Doch wie anders, wenn den Demant unberuf’ne Hand verdarb,
Wenn durch ungeschicktes Walten all’ sein Glanz gar schnell erstarb;
Traun! der Stein war wunderprächtig, aber dennoch ist er hin,
Weil dem Mann, der ihn behandelt, fehlte kunstgewandter Sinn.

Ihr seyd uns’re Herr’n und Meister! Ja, wir bilden uns an Euch,
Um von Euch geliebt zu werden, möchten wir Euch werden gleich,
Ey, und seltsam ist es, wahrlich! daß wir, Euer Conterfey,
Nun das Ziel von Euerm Zürnen und von Eurer Spötteley.

Sollen Frauen sich veredeln, möget edler werden Ihr,
Möget bannen aus dem Busen wilder Leidenschaften Gier,
Mögt zuvor erst selber werden, wie die Frauen sollten seyn,
Fehlerfrey und ohne Mängel, und im Herzen treu und rein.

Ob dies jemals wird geschehen? Ach, ich glaub’ es nimmermehr!
Manches Jahr noch wird sich senken in der Ewigkeiten Meer,
Doch wohl nimmer wird man schauen, daß Ihr fühlt, wie’s unrecht sey,
And’rer Fehler zu bekritteln, wenn man selbst nicht fehlerfrey.

Betti Glück

Aus: Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode, 25. August 1832

Montag, 1. August 2011 von Karin S. Wozonig
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Poesie von Frauenhand

Robert Prutz, Deutsches Museum, August 1856

Das „Aurora-Album“ bringt zunächst eine Reihe von Gedichten, unter denen sich die ersten und beliebtesten Namen der wiener Literatur, vermischt mit einigen fremden, finden. … Von Betty Paoli bringt das „Album“ zwei Gedichte: „Kleopatra“ und „Morituri te salutant“, beide in dem eigenthümlich schwungvollen, leidenschaftlichen Stile, der für diese Dichterin charakteristisch ist. Doch können wir nur mit dem zweiten vollkommen einverstanden sein; das erste, das uns die berühmte Königin Aegyptens schildert, wie sie ihre Liebhaber unmittelbar nach durchschwelgter Nacht hinrichten läßt, scheint uns trotz der prachtvoll farbenreichen Darstellung doch kein geeigneter Gegenstand für die Poesie und am wenigsten (so altväterisch sind wir noch) mögen wir ihn von Frauenhand ausgeführt lesen.

Freitag, 15. Juli 2011 von Karin S. Wozonig
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Musik und Literatur

Das nächste Kaffeehausgespräch wird sich einem Thema widmen, an dem niemand vorbei kommt, der sich mit der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts beschäftigt, nämlich der Verbindung von Literatur und Musik. Die Vertonung von Gedichten ist gerade in der Zeit des sogenannten Biedermeier sehr häufig zu finden und in die literarischen Taschenbücher und Almanache werden immer wieder auch Noten aufgenommen. Auch einige Gedichte von Betty Paoli wurden vertont. Über eines davon – es trägt den Titel „Gute Nacht“ – habe ich vor einiger Zeit bereits berichtet.

Montag, 20. Juni 2011 von Karin S. Wozonig
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Die Ehre der österreichischen Lyrik

Zeitung für die elegante Welt, 21. Juni 1843:

Carl Beck ist angekommen, um einige Monate hier zu bleiben, und wurde von einigen seiner vielen Freunde und Verehrer mit einem, ihm zu Ehren veranstalteten Diner im Prater freudig empfangen. Ein größeres Gedicht, das er in Pesth geschrieben, soll die ausgesprengten Gerüchte von früher Ermüdung aufs Siegreichste Lügen strafen. – Nun, es thut fast schon Noth, um die Ehre der anerkannten österreichischen Lyrik zu retten. – Von den zwanzig Bänden lyrischer Gedichte, die seit zwei Jahren erschienen, ist keiner außer den beiden Bänden von Betti Paoli stark genug dazu.

Dienstag, 14. Juni 2011 von Karin S. Wozonig
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Betty Paolis Roman

Aus dem Tagebuch der Ottilie von Goethe, 12. Juni 1841: „Mr. Stout der Amerikaner besuchte mich, dann Herr Hartmann der junge böhmische Poet den mir Dr. Frankl angekündigt; er brachte mir in Frankls Nahmen den Roman von Fl Glück (Betty Paoli) für den ich einen Verleger suchen soll.) Direktor Schmidt kam, Herr von Griesinger kam; Mr. Travers der Engländer kam; Betty Glück kam.“

Bei dem Roman handelt es sich um „Die Ehre des Hauses“, der 1844 – nicht auf Vermittlung von Frau von Goethe – als erster Band der Novellensammlung „Die Welt und mein Auge“ bei Cotta erschien.

Montag, 23. Mai 2011 von Karin S. Wozonig
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Der Geist der Poesie

Notizen von „Asmodeus“: Von literarischen Erscheinungen sind zu nennen: Otto Prechtler’s Gedichte, Betty Paoli’s und Stifter’s Novellen. … Betty Paoli mit ihren Novellen würde uns leicht Karoline Pichler vergessen machen, wenn wir je an dieses Ideal eines Blaustrumpfs als an eine Dichterin gedacht hätten. Ja, Betty Paoli ist uns mehr als Gräfin Ida, der sie an Geist ebenbürtig, an poetischem Gemüthe überlegen ist. Die Dichterin ist Gesellschaftsdame der Fürstin Schwarzenberg. Wahrhaftig, ein interessantes Haus! Die geistreiche, vielerfahrne Frau, der chevalereske Lanzenknecht, die Dichterin der „Briefe an einen Verstorbenen“, das liberale, das aristokratische Princip und der über allen Parteien schwebende Geist der Poesie.

Zeitung für die elegante Welt. 15. Mai 1844

Montag, 18. April 2011 von Karin S. Wozonig
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Noch mehr Stimmen aus dem Ausland

Foreign poetesses are not a whit better than English; think of Madame DesbordesValmont (we think that is the way she spells her name), think of her pitiful wails and lamentations, „Mes Pleurs“ and „Mes Larmes“ innumerable, enough to fill an ocean. As for Germany’s songstresses, though she has several, they are all unknown to fame, save „Betty Paoli“, whom we admire greatly, and should rank upon a level with Mrs. Browning and Miss Lowe, for artistic power; that is, we recognize hers as a kindred spirit with those of Germany’s greatest bards, one who may justly claim equality with them; but then we have always called her „the female Byron,“ so sad is she, so bitter, so painfully passionate; nevertheless, she is great. We recommend Betty Paoli’s poems to the study of every lover of German poetry; they are pure and noble artistic creations, earnest-hearted and earnest-minded, and, above all, not diffuse (wonderful to relate); her words rarely or never outrun the thoughts they represent.

Still, in every country, female poetry it doleful or morbid, and generally speaking it is weak and diffuse, and therefore, as we said at starting, it does not present a too delightful theme.“

The eclectic magazine of foreign literature, science, and art. Volume 2, 1851