Sonntag, 15. Mai 2016 von Karin S. Wozonig
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Weiblicher Adler

In Schwingen und Federn theilt ein scharfsinniger kritischer Kopf die dichterischen Organe Östreich’s, und wenn er auch nicht jedem in’s Angesicht sagt: du bist Adlerschwinge, du bist Gänsekiel, so läuft doch dieser ernste Spruch: du dienst dem Gott in dir, und du dem Fleisch der Welt! durch sein ganzes Buch. […] In der Gartenkunst pfropft man Birnen auf Pflaumen, aber die Östreicher wuchern förmlich in den Treibhäusern ihrer Sprache mit dieser Gartenkunst, die bei ihnen keine Kunst mehr ist, sondern ein Wildwuchs ihrer üppigen Phantasie.

Anonym: Östreich’s poetische Schwingen und Federn. In: Europa, 20. Februar 1847, S. 121-125

Ehe wir von jenen östreichischen Dichtern scheiden, deren sich ganz Deutschland als eines Schmuckes seiner Literatur erfreut, von den Adlern, die, während sie aus ihrer bewunderten Höhe nach den Reizen und Schmerzen der Erde spähen, doch das Auge ungeblendet nach dem Licht wenden, unter welchem allein irdische Zustände würdig gedeihen können, wollen wir noch eines weiblichen Adlers Erwähnung thun, Betty Paoli.

Hieronymus Lorm: Wien’s poetische Schwingen und Federn. Leipzig 1847, S. 82

Mehr dazu in Karin S. Wozonig: Das ‚Nationalgemüth‘ der Literatur. Wien’s poetische Schwingen und Federn (1847) von Hieronymus Lorm. In: Jahrbuch FVF 21 (2015). Das Politische und die Politik im Vormärz. Norbert Otto Eke/Bernd Füllner (Hg.) Bielefeld: 2016 S. 159-183

Montag, 9. Mai 2016 von Karin S. Wozonig
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Salon didaktisch

Das Kaffeehausgespräch geht weiter, auf eine freundliche Anregung und eine Bemerkung aus berufenem Munde hin in neuer Gestalt: Die Gäste erwartet ein Vortrag von mir, Thema Marie von Ebner-Eschenbach, bei dem ich hemmungslos aus der Ebner-Eschenbach-Biographie von Daniela Strigl zitieren werde, dazu ein paar Auszüge aus den Werken Marie von Ebner-Eschenbachs. Der zweite Teil des Abends wird dem allgemeinen Salongespräch gewidmet sein.

 

Sonntag, 8. Mai 2016 von Karin S. Wozonig
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Eines Morgens

Eines Morgens

Ans Fenster rückt‘ ich meinen Tisch
Und wollte weise Dinge schreiben,
Doch, eh‘ ichs dachte, sah ich frisch
Mein Blatt im Morgenwinde treiben.

Was liegt an einem Blatt Papier?
Leicht ist’s ein zweites zu bereiten!
Nun aber ließ die Sonne mir
Streiflichter blendend drüber gleiten.

Wie flogen sie so lustig hell
Die Pfeile von dem gold’nen Bogen!
Gleich einem Schilde ließ ich schnell
Den grünen Vorhang niederwogen.

Jetzt, meint‘ ich, jetzt wird Ruhe sein!
Des Fleißes ernste Zeit beginne!
So dacht‘ ich, still vergnügt, allein
Bald ward ich meines Irrthums inne.

Denn schmeichelnd und verlockend drang
Durch Blättergrün und grünen Schleier
Der Vögel Lied wie Festgesang,
Wie eine freud’ge Liebesfeier.

Was half es mir, daß ich mein Ohr
Vom Lauschen suchte zu entwöhnen?
Im Geiste hörte ich den Chor
Der süßen Stimmen doch ertönen.

Vergeblich sorgt‘ ich, daß sich nicht
Der Sonne Schimmer zu mir stehle;
Das ich von mir gebannt, das Licht,
Ich schaut‘ es doch in meiner Seele.

Da warf ich meine Feder hin!
Nicht länger konnt‘ ich widerstreben,
Gefangen war mir Herz und Sinn –
Ich mußte mich dem Lenz ergeben.

Aus meinem Hause trieb mich’s fort
Auf waldgekrönte Bergeshöhen,
Wo, wie ein mildes Segenswort,
Die ahnungsvollen Lüfte wehen.

Den heil’gen Stimmen horchend, saß
Ich dort bis spät zum Abendlichte,
Und meine trunk’ne Seele las
In Gottes ewigem Gedichte!

Betty Paoli: Neue Gedichte. Pest 1850

Freitag, 6. Mai 2016 von Karin S. Wozonig
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Sammlung komplett

Betty Paoli war in den 1840er Jahren sehr erfolgreich. Ihre ersten Gedichtsammlungen erschienen in zwei Auflagen. In der Zeit von 1841 bis 1870 erschienen neun Bände Gedichte von ihr:

Gedichte. Pesth: Heckenast 1841
Nach dem Gewitter. Gedichte. Pesth: Heckenast 1843
Gedichte. Zweite vermehrte Auflage. Pesth: Heckenast 1845
Romancero. Leipzig: Wigand 1845
Neue Gedichte. Pest: Heckenast 1850
Nach dem Gewitter. Zweite um die Hälfte vermehrte Auflage. Pesth: Heckenast 1850
Lyrisches und Episches. Pest: Heckenast 1855
Neue Gedichte. Zweite vermehrte Auflage. Pest: Heckenast 1856
Neueste Gedichte. Wien: Gerold’s Sohn 1870

Außerdem erschien 1895 ein Nachlassband, von dem es auch eine zweite Ausgabe gibt:

Gedichte von Betty Paoli. Auswahl und Nachlaß. Stuttgart: Cotta 1895
Ausgewählte Gedichte von Betty Paoli. Stuttgart, Berlin: Cotta Nfg.

Und so sieht das aus, wenn man (endlich) alle diese Gedichtbände beisammen hat:

Betty Paoli_Gesammelte Gedichte