Montag, 20. Mai 2019 von Karin S. Wozonig
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Auch ich in Galizien

Mit sechzehn Jahren musste Betty Glück, später bekannt unter dem Namen Betty Paoli, mit ihrer Mutter von Wien nach Russland übersiedeln, um dort als Gouvernante Geld zu verdienen. Aber die beiden waren nicht glücklich im fremden Land, und so zogen sie nach Österreich zurück (bei Nacht und Nebel weil illegal, so erzählte es Marie von Ebner-Eschenbach) und zwar nach Galizien, konkret in den Teil, der heute zu Polen gehört. Dort lernte Betty Glück einen interessanten Herren namens Carl Lewinski kennen, der später Karriere bei der österreichischen Polizei machen sollte, zu der Zeit aber noch k.k. Landrechtsauscultant in Lemberg war. Dass Lewinski nicht nur ein besonderer Freund sondern auch ein kritischer Heine- und Lenauleser und als solcher eine wichtige literarische Auskunftsperson für Paoli war, habe ich beim wissenschaftlichen Kolloquium der 6. Österreich-Tage in Drohobytsch, der Stadt von Bruno Schulz, erzählt.

Von drei Tagen Konferenz kann ich berichten, aber wie immer, wenn es in meinem Blog um Zusammenkünfte wissenschaftlicher Art geht: Ich widme mich dem Rahmenprogramm. Das hat es wirklich in sich gehabt. Drohobytsch hat nicht nur eine Uni mit einem großen Festsaal, sondern auch ein imposantes Kulturhaus, eine Stadtbibliothek, ein Kunstpalais und eine sehr hübsche Österreich-Bibliothek, deren Leiter Jaroslaw Lopuschanskyj für die Organisation der Österreich-Tage zuständig ist. Und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, er ist ein großer Organisator.

Fotoausstellungen, Lesungen, eine literarisch kommentierte Ausstellung zu Georg Trakl, Konzerte, Buchpräsentationen… kaum zu glauben, was man an drei Konferenztagen neben den Vorträgen noch alles unterbringen kann. Und dabei habe ich die Besichtigung der St. Georgskirche, einer Holzkirche aus dem späten 15. Jahrhundert, noch gar nicht erwähnt, und den Spaziergang über das Gelände der stillgelegten Saline.

Salz war wirtschaftlich und ist in der Küche wichtig, Essen und Trinken ist völkerverbindend, daher noch etwas zum kulinarischen Rahmenprogramm, zu dem auch ein besonderes salzburgisches Abendessen von Roland Essl und großzügig gespendeter Wodka gehört hat. In der Ukraine gibt es guten Kaffee (Kolschitzky, der nach einer Legende, die vielleicht nicht wahr ist, das erste Wiener Kaffeehaus gegründet hat, wurde in der Nähe von Lemberg geboren) und: Das Land ist reich an Pilzen.

Sonntag, 7. April 2019 von Karin S. Wozonig
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Hamerlings Poesie als Taub‘ im Schnabel

In der neuen Folge der Serie „Zu Recht vergessen“ der Zeitschrift VOLLTEXT widmet sich Karl Wagner dem äußerst erfolgreichen Dichter Robert Hamerling (1830-1889) (den Betty Paoli natürlich auch  gekannt hat) und erklärt, wie dieser trotz seiner dick übermalten Orientierungslosigkeit von den Zeitgenossen zu – im Extremfall homerischen – Denkmalwürden hochgelobt wurde.

Zwar hat sich der Dichter zu Lebzeiten gegen Avancen von dieser Seite verwahrt, postum errichtete ihm aber der Deutschnationale Georg von Schönerer eine „Kult- und Weihestätte“ – Hamerlings Germanenschwulst schreit förmlich danach.

Ein reisig Volk steht harrend an der Schwelle
Des Occidents und pocht an seine Thore,
Ein Volk mit blauen Augen, blonden Haaren.

Wer sind die Reisigen? wie tönt ihr Name?
Was will der Adlerschwarm im stolzen Fluge?
Germanen sind’s auf ihrem Wanderzuge.

So dichtet Hamerling im „Germanenzug“ (1864) – und nennt das Gedicht eine „Canzone“, immerhin hat er auch aus dem Italienischen übersetzt.

Wenngleich sich der Reiz der Dichtkunst Hamerlings heute nicht mehr erschließt, der Dichter selbst hat der Poesie als solcher, wenn auch verstechnisch nicht ganz glücklich, einiges zugetraut:

An die Nationen

Vernehmt mich, groß‘ und kleine Nationen,
Die Ihr geharnischt tretet auf den Plan!
Ihr ringt umsonst nach Eigenruhmes Kronen;
Der Einzelvölker Arbeit ist gethan!
Die an der Seine, am Belt, am Ister wohnen,
Begegnen fortan sich in einer Bahn.
Was ihr getrennt erstrebt und still begründet,
Vollendet ihr vereint nur und verbündet.

In dieser Zeit, wo Draht und Schiene spotten
Der Alpen, und ein Kabel-Telegramm
Den Morgengruß des Yankee bringt dem Schotten,
Wo zieh’n von Land zu Land, von Stamm zu Stamm
Die Zeitungsblätter als Erob’rerflotten –
In dieser Zeit baut Zwietracht Wahn und Damm?
Wenn Völkergeister ineinanderzittern,
Da soll das Herz der Völker sich zersplittern?

So lange tausendfältig Kain den Abel
Unblutig oder blutig noch erschlägt,
Und nicht der Streit, der einst erregt zu Babel,
Des Sprachenkampfs Erinnys beigelegt –
So lang‘ nicht Poesie als Taub‘ im Schnabel
Des ew’gen Völkerfriedens Oelzweig trägt –
So lange, sag‘ ich Euch, trotz der Fanfaren
Des Fortschrittsjubels, sind wir noch Barbaren.

Samstag, 29. September 2018 von Karin S. Wozonig
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Nomineller Süden

Der Name Betty Paoli ist ein Pseudonym. Warum die Dichterin, die ihre ersten Gedichte noch mit Betty Glück zeichnet, dieses gewählt hat, lässt sich nicht mehr feststellen. Vielleicht ist es bei ihr wie bei Aline Aliberti (1885-1959), steirische Dichterin mit dem bürgerlichen Namen Maria Leitner, verheiratete Knittelfelder. Es ist der Hang zu südlichen Gefilden, der sie den italienisch klingenden Nom de Plume wählen lässt. Das sagt Christian Teissl, Herausgeber eines Aline-Aliberti-Lesebuchs, das gestern vorgestellt wurde.

Aline Aliberti
Am Meer

Morgen
In offne Fenster bricht das Morgenlicht. –
Das Meer in blendend blauem Glänzen,
der bunten Segel helles Festgedicht
zu Ruderrhythmen, Wellentänzen,
der Oleanderbüsche Rosenschein
auf seltsam weißen Gartenwegen
und lorbeergrüner Hänge Trunkenheit
stürzt flügelrauschend mir entgegen.

Das ist kein typisches Aliberti-Gedicht, denn noch etwas anderes teilen sich Paoli und Aliberti: Schwermut, Schmerz und Traurigkeit als häufige Schreibanlässe.

Aline Aliberti
Linden im Spätherbst

Vor eures Goldes müdem Scheinen
weiß ich erst ganz, was mit dem Sommer starb.
Mir selbst und euch. Horcht, wie ein Weinen
geht leiser Wind, der sommers euch umwarb.

Nun hebt ihr die zerstörten Zweige
gleich Menschenarmen, die vor Sehnsucht weit,
daß sich die graue Stille neige
ganz tief herab zu eurer Einsamkeit

Und aus der herbstlich bangen Weite
ein gottgeschenkter Traum von Kraft und Licht
in euer Warten niedergleite. –
Ich aber stehe stumm und bitte nicht.

Die Zusammenstellung von Teissl zeigt aber auch noch eine andere Seite Alibertis, denn nachzulesen gibt es auch Kritiken und Kurzprosa, gesammelt aus Zeitungserstdrucken und aus dem Nachlass. Auch Fotos und Faksimiles hat der Herausgeber aufgenommen, ein schönes Buch zu Ehren einer fast ganz Vergessenen.

Samstag, 5. Mai 2018 von Karin S. Wozonig
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Kommentar

Kommentar zum Mai, von Johann Nepomuk Vogl. Kein Kommentar zur Debatte um Eugen Gomringers Gedicht „Avenidas“.

Donnerstag, 20. Oktober 2016 von Karin S. Wozonig
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Die Aufgabe der Dichtung

Heute und morgen findet in Wien ein Grillparzer-Symposium statt. Aus diesem Anlass und als Kommentar zum vorherigen Blogpost gibt es hier wieder einmal Grillparzer-O-Ton:

Notwendiger Gegensatz

Ist Prosa der Sinn im Beweisen und Lehren,
Kann Dichtkunst den Unsinn wohl kaum entbehren.

Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 3. Gedichte III, S. 196

Dienstag, 5. Juli 2016 von Karin S. Wozonig
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Stifter mit Goethe

Am 13. Juli gibt es wieder ein Kaffeehausgespräch, in dem es um einen österreichischen Autor gehen wird, nämlich um Adalbert Stifter (1805-1866). Statt aller weiteren Rechtfertigung, warum ausgerechnet er, sei hier ausnahmsweise Goethe zitiert:

In der Poesie gibt es keine Widersprüche, diese sind nur in der wirklichen Welt, nicht in der Welt der Poesie. Was der Dichter schafft, das muss genommen werden, wie er es geschaffen hat. So wie er seine Welt gemacht hat, so ist sie. Was der poetische Geist erzeugt, muß von einem poetischen Gemüt empfangen werden. Ein kaltes Analysieren zerstört die Poesie und bringt keine Wirklichkeit hervor. Es bleiben nur Scherben übrig, die zu nichts dienen und nur inkommodieren. (Goethe, 1806)

 

Donnerstag, 12. Februar 2015 von Karin S. Wozonig
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Betty Paoli wurde gefeiert

Wien ist in vielen Teilen sehr hübsch anzusehen – so neunzehntes Jahrhundert. Das Rathaus zum Beispiel, 1883 fertig gestellt, hat einen Stadtsenatssitzungssaal mit vergoldeter Holzdecke und grünen Seidendamasttapeten – man soll ja nicht an der falschen Stelle sparen. In diesem Raum wurde auf Initiative von Julia Danielczyk der zweihundertste Geburtstag von Betty Paoli gefeiert und ich finde, der Rahmen war passend.

Marlen Schachinger baute in ihre anspruchsvolle  „analytisch-literarische Auseinandersetzung“ (Festrede) viel Paoli-O-Ton ein. Es ging um Biografisches und Biografismus, um Beruf und Berufung, und über Tarock habe ich auch etwas gelernt. Am Ende wurde eine Vertonung von Paolis Gedicht „Gute Nacht“ auf der Geige gespielt, ein schöner Abschluss.

Besonders gut gelungen war meines Erachtens die Reflexion über marktdominierte Schreibbedingungen. Diese Reflexion hat Marlen Schachinger in Form der Verflechtung oder des Brückenschlags zwischen dem neunzehnten und dem einundzwanzigsten Jahrhundert präsentiert, mit Blick in die eigene Werkstatt.

Betty Paoli hat sich literarisch ausführlich mit der prekären Lage von Autorinnen und Autoren auseinander gesetzt. Ihr dienten die Biografien von Jules Mercier, einem saint-simonistischen Lieddichter (Selbstmord 1834), und Élisa Mercœur, einer von Chateaubriand protegierten, jung verstorbenen Dichterin, als Vorlage für zwei Almanachbeiträge. Aber auch in ihre Lyrik fließt die Diskrepanz zwischen dem Bedürfnis, hehre Kunst zu schaffen, und der mangelnden Anerkennung (entsprechend auch der mangelnden Entlohnung) als Thema ein.

Diesbezüglich immer noch lesenswert ist Paolis vor 141 Jahren erschienenes Feuilleton „In Sachen der Literatur“, das mit den Sätzen beginnt:

Es gab eine Zeit – und sie liegt nicht sehr ferne hinter uns – in der man dem Himmel, der sich der Vögel in der Luft und der Blumen auf dem Felde getreulich annimmt, auch die Sorge für die Existenz des Dichters und des Schriftstellers überließ. Leider kann man nicht behaupten, daß er dieses Vertrauen immer gerechtfertigt habe.

Was mich dazu bringt, auf eine weitere Veranstaltungsreihe (neben der, in deren Rahmen Paoli gewürdigt wurde: „Autorinnen feiern Autorinnen“), die auf Julia Danielczyks Initiative zurückgeht, hinzuweisen: Literatur im MUSA.

Freitag, 23. März 2012 von Karin S. Wozonig
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Quod erat demonstrandum: Frühlingsbimbam

Im Frühlinge

Horch! der Posaune Zauber gellt
Im Sieg’sruf durch die öde Welt, –
Von West zu Ost, von Süd zu Nord,
Glüht neu der Auferstehung Wort.

Wenn sich das neue Leben regt,
Hat sich das alte zur Ruh‘ gelegt,
Aus dem gelben Moder der Winterlag
Stößt die Primel und Hyazinth‘ zu Tag!

Weht der Frühlingsost über’s Jahr heran,
Hab‘ ich auch den letzten Schritt gethan, –
Du Mutter Natur! Aus meinem Staub‘
Weck‘ üppiger Eichen und Myrten Laub!

von Lothar (Prag) in: Oesterreichischer Musenalmanach 1837

Dienstag, 20. März 2012 von Karin S. Wozonig
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Frühlings-Bimbam

Frühlings-Bimbam à la Nachahmer von Heine

Im Frühling wächst die Blume,
Es geht der Kelch schön auf.
Im Frühling kommt die Muhme,
Da geht das Herz mir auf.

Im Frühling kommen Blätter,
Sie säuseln auf und zu,
Im Frühling kommt der Vetter,
Wir spielen blinde Kuh!

Im Frühling liebt der Schäfer
Die Schäferin, auch zwei!
Ich liebe wie ein Käfer,
Das macht die Poesei!

(Moritz Saphir, 1837)

Montag, 5. Dezember 2011 von Karin S. Wozonig
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Jenseits von Weltschmerz

Himmelstrauer

Am Himmelsantlitz wandelt ein Gedanke,
Die düstre Wolke dort, so bang, so schwer;
Wie auf dem Lager sich der Seelenkranke,
Wirft sich der Strauch im Winde hin und her.

Vom Himmel tönt ein schwermuthmattes Grollen,
Die dunkle Wimper blinzet manches Mal,
– So blinzen Augen, wenn sie weinen wollen, –
Und aus der Wimper zuckt ein schwacher Strahl. –

Schon schleichen aus dem Moore kühle Schauer,
Und leise Nebel über’s Heideland;
Der Himmel ließ, nachsinnend seiner Trauer,
Die Sonne läßig fallen aus der Hand.

Nikolaus Lenau (1831)