Donnerstag, 2. Juni 2016 von Karin S. Wozonig
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Österreichs Shakespeare

Hieronymus Lorm, über dessen Buch „Wien’s poetische Schwingen und Federn“ (1846) ich vor kurzem berichtet habe, ist mit vielen österreichischen Autoren gar nicht zufrieden. Ihr politisches Engagement in der Zeit vor der 48er-Revolution lässt in seinen Augen deutlich zu wünschen übrig. Bei manchen von ihnen kommt noch dazu, dass sie eigentlich prädestiniert dafür wären, eine eigenständige österreichische Literatur auf hohem Niveau zu begründen. Franz Grillparzer gehört zu diesen talentvollen Österreichern, aber statt das Volk zu begeistern, schreibt er nur eine kümmerliche Schicksalstragödie. Unsterblich hätte er werden können, ein Shakespeare Österreichs, das österreichische Theater könnte mit Grillparzer der „bestimmte kernhafte Ausdruck einer von politischem Ernst durchdrungenen Nationalität“ sein – aber nein, Grillparzer ist auch noch beleidigt, dass die Wiener sein philosophisches Lustspiel nicht lustig finden und zieht sich ganz aus der Öffentlichkeit zurück. Sehr ärgerlich, findet Lorm, aber auch:

Man möchte wieder in Mitleid um ihn vergehen, wenn man ihn trauernd ruhen sieht auf den Ruinen einer Poesie, der eine deutsche Unsterblichkeit aufbehalten gewesen wäre.

Wie Grillparzer dann doch noch der Klassiker Österreichs wurde und welche Relevanz schulische Erfolge für diese Karriere hatten, werde ich bei einem Kaffeehausgespräch am 10. Juni erörtern, zu dem Sie, liebe Leserin, lieber Leser dieses Blogs, herzlich eingeladen sind. Mehr Informationen dazu finden Sie hier.

Sonntag, 15. Mai 2016 von Karin S. Wozonig
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Weiblicher Adler

In Schwingen und Federn theilt ein scharfsinniger kritischer Kopf die dichterischen Organe Östreich’s, und wenn er auch nicht jedem in’s Angesicht sagt: du bist Adlerschwinge, du bist Gänsekiel, so läuft doch dieser ernste Spruch: du dienst dem Gott in dir, und du dem Fleisch der Welt! durch sein ganzes Buch. […] In der Gartenkunst pfropft man Birnen auf Pflaumen, aber die Östreicher wuchern förmlich in den Treibhäusern ihrer Sprache mit dieser Gartenkunst, die bei ihnen keine Kunst mehr ist, sondern ein Wildwuchs ihrer üppigen Phantasie.

Anonym: Östreich’s poetische Schwingen und Federn. In: Europa, 20. Februar 1847, S. 121-125

Ehe wir von jenen östreichischen Dichtern scheiden, deren sich ganz Deutschland als eines Schmuckes seiner Literatur erfreut, von den Adlern, die, während sie aus ihrer bewunderten Höhe nach den Reizen und Schmerzen der Erde spähen, doch das Auge ungeblendet nach dem Licht wenden, unter welchem allein irdische Zustände würdig gedeihen können, wollen wir noch eines weiblichen Adlers Erwähnung thun, Betty Paoli.

Hieronymus Lorm: Wien’s poetische Schwingen und Federn. Leipzig 1847, S. 82

Mehr dazu in Karin S. Wozonig: Das ‚Nationalgemüth‘ der Literatur. Wien’s poetische Schwingen und Federn (1847) von Hieronymus Lorm. In: Jahrbuch FVF 21 (2015). Das Politische und die Politik im Vormärz. Norbert Otto Eke/Bernd Füllner (Hg.) Bielefeld: 2016 S. 159-183

Dienstag, 20. Januar 2015 von Karin S. Wozonig
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Das geistige Leben vor hundert Jahren

Das geistige Leben, das sich in Deutschland vor hundert Jahren viel reicher, freier und edler entfalten konnte als in unserm kapitalistischen und materiellen Zeitalter, hat auch eine ganze Zahl bedeutender Frauen hervorgebracht. Die um die klassischen Dichter Goethe, Schiller, Jean Paul gescharten Gesellschaftskreise, die Anhänger der Romantik und die des „Jungen Deutschland“ sammelten sich in Salons, deren Seele das weibliche Element war, deren Ton angegeben und dauernd beherrscht wurde von Frauen, ja zuweilen selbst von Mädchen reifster Bildung, feinster Umgangsformen, vollendeter Herzensgüte.

Kurt Martens (1870-1945) im Vorwort zu „Rahel von Varnhagens Freundeskreis“, Berlin, Deutsche Bibliothek, o. J.

Donnerstag, 26. September 2013 von Karin S. Wozonig
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Die Presse und der Minister

Vor einiger Zeit habe ich mich in diesem Blog darüber gefreut, dass Betty Paoli durch das Jubiläum der Zeitung in die „Presse“ zurückgekehrt ist, ein Blatt, für das sie einige ihrer besten Feuilletonbeiträge verfasst hat. In diesem Zusammenhang habe ich auch erwähnt, dass die heutige „Presse“ nicht die gleiche Zeitung wie die ursprüngliche „Presse“ ist, dass Betty Paoli aber auch für die ursprüngliche, im Jahr 1848 gegründete „Presse“ geschrieben hat und mit der reaktionären Ausrichtung der Zeitung ganz einverstanden war.

Das Zitat Paolis, die „Presse“ habe sich selbst „Stadions (das ist Franz Stadion Graf von Warthausen und Thannhausen, 1849 Innen- und Unterrichtsminister) Anerkennung erworben“, möchte ich heute mit einem Zitat des Historikers Joseph Alexander Helfert (1820–1910) in den Kontext der Zeitungsgeschichte stellen:

„Die Presse“ hatte fürs erste die auffallende Wohlfeilheit für sich, da sie für einen Kreuzer pro Bogen großen Formats mehr bot als alle bisherigen größeren Zeitungen für das doppelte. Sie gewann zweitens das gebildete Publikum durch die gewandte Eleganz und den zwar entschiedenen, mitunter scharfen, aber stets anständigen Ton ihrer Vortragsweise. Sie war drittens österreichisch, und dies nicht im wohldienerischen, sondern in freimütig wohlmeinendem Sinne, und machte aus dieser Tendenz kein Hehl. ‚Die Presse‘ verfocht die Sache der Reaktion: ‚sie ist und will schwarzgelb sein‘ … Aber auch Stadion wurde nicht vergessen, der sich für ‚Die Presse‘ vom ersten Augenblicke interessiert hatte und dessen zeitweiser Verkehr mit deren Eigentümer und Herausgeber kein Geheimnis war. Hinter Zang, hieß es, stecke niemand anderer als Stadion, der ‚Zukunftsminister,‘ der sich behutsam vorsorgend schon das Organ für sein einstiges Portefeuille zurechtlege; Stadion habe ‚Die Presse‘ gegründet, Landsteiner (Leopold Landsteiner, Redakteur) sei sein verkaufter Sklave.

Mittwoch, 4. September 2013 von Karin S. Wozonig
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Wie man sich einen Wolff liest

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich über den anonymen Text „Actenmäßiger Bericht über die erste Versammlung deutscher Schriftstellerinnen, gehalten zu Weimar am 5., 6. und 7. October 1846“ berichtet. Zu meiner Forschung zu dieser Satire hat es auch gehört, den Verfasser festzustellen. Nein, es ist mir nicht gelungen zweifelsfrei zu beweisen, dass O. L. B. Wolff, „Improvisator und fruchtbarer Belletrist“, hinter dem Text steckt, es könnte aber durchaus sein und es mehren sich die Indizien. Im folgenden Zitat aus der Zeitschrift „Literarischer Zodiacus“ von 1835 bringt ein Zeitgenosse seinen Ärger zum Ausdruck:

Das Octoberheft der in Jena erscheinenden „Minerva“ bringt von einem namenlosen Kämpfer einen Aufsatz über die Bewegungsparteien in der neuesten deutschen Literatur, eine Benennung, die er sich von uns angeeignet hat, ohne ihrer Symbole und Schildzeichen rechten Sinn und Inhalt fassen zu können. Ich habe mir an diesem für mich mannigfach fatiganten Aufsatz einen Wolf gelesen, und verlange jetzt Schmerzensgelder für solche strapazirende Langweile. In der That, ich glaube, daß der improvisirte Professor Wolf in Jena der Verfasser dieses Aufsatzes ist, in dem die Bestrebungen und Erfolge mehrerer für unsere Zeit wichtigen Schriftsteller einer ebenso magisterhaften, als persönlich beleidigenden und injuriösen Kritik unterworfen werden. Und da ich Grund habe, es anzunehmen, so will ich mich an diesen Mann halten, denn was geht seine Anonymität mich an, die, sobald sie unter diesem Mantel der Feigheit uns nachtheilig wird, ich befugt bin, durch meine strafenden Demonstrationen zu sprengen! Die von ihm zu einer gemeinsamen Stellung grupirten und darin beurtheilten Schriftsteller sind: Wienbarg, Gutzkow, Kühne, Laube und der Redakteur dieser Blätter, welcher letzere als eine eigenthümliche Abart des sogenannten ‚jungen Deutschlands,‘ mit dem spöttischen Drapeau: ‚das junge Berlin‘ behangen und geziert wird, in welcher Repräsentation der neuwerdenden Zustände unserer Vaterstadt ihn dann sein geliebter Freund Kühne durch die Zeitung für die elegante Welt secundire.

Ausschluss der Autorinnen aus demokratischen Prozessen

Vor einiger Zeit habe ich bei einer Konferenz über Autorinnen im Vormärz gesprochen. Jetzt ist daraus ein Beitrag geworden, und zwar in einem sehr hübschen Buch, herausgegeben von Robert Seidel und Bernd Zegowitz. Das Buch trägt den Titel Literatur im Umfeld der Frankfurter Paulskirche 1848.

Über den „Actenmäßiger Bericht über die erste Versammlung deutscher Schriftstellerinnen, gehalten zu Weimar am 5., 6. und 7. October 1846“ zu schreiben, war mir ein großes Vergnügen. Es handelt sich bei dem „Bericht“ um eine Satire, die ein Panorama der Beteiligung von Autorinnen am literarischen Leben bietet. Der anonyme Autor des Berichts kennt sie alle, die Verfasserinnen von Almanachnovellen, von Liebeslyrik und Kochbüchern, die Übersetzerinnen und Reiseschriftstellerinnen seiner Zeit. Er nennt sie mit Namen und lässt sie bei dem Versuch aufeinandertreffen, ihre gemeinsamen Interessen in einer Versammlung zur Sprache zu bringen.

Wir begegnen in der Satire Annette von Droste-Hülshoff, der zu diesem Zeitpunkt noch anonym veröffentlichenden Fanny Lewald, Bettina von Arnim, Louise Otto-Peters, Louise Aston (auch sie tritt anonym auf) und noch so einigen schreibende Frauen (insgesamt ca. achtzig), die im Vormärz den Herren Schriftstellern und Dichtern den Angstschweiß auf die Stirn getrieben haben.

Auch der Verfasser des „Actenmäßigen Berichts“ bedient sich des misogynen Diskurses, aber er hat sich ausführlich mit den Autorinnen beschäftigt, über die er sich lustig macht. Seine Fanny Lewald bringt einen Trinkspruch auf die Bestsellerautorin Ida Hahn-Hahn aus:

Ob auch an ihr nagt neid’scher Männer Wahnzahn
Uns ewig lieb, hoch! Ida Gräfin Hahn-Hahn!

Und Betty Paoli legt er folgenden Redebeitrag in den Mund:

Wer freilich Schriftstellerin werde, um nicht Haushälterin zu werden, oder Nähjungfer, oder Ladenmamsell, dem möge das (Lernen von anderen) ganz nützlich dünken, damit wolle sie (Paoli) den hochachtbaren Damen, die von ihrer Feder leben müßten, keineswegs zu nahe treten; unsere Zeit sei nun einmal so und von der Feder leben immer besser als von der Nähnadel, aber Talent gehöre zu Allem und lernen und eintrichtern lasse sich das einmal nicht.

Im größeren Zusammenhang der Literatur im Umfeld der Paulskirche demonstriert die Satire, dass ihr Ausschluss aus den vormärzlichen demokratischen Prozessen enorme Nachteile für schreibende Frauen hatte.

Samstag, 13. Juli 2013 von Karin S. Wozonig
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Betty Paoli zurück in der „Presse“

Die Redaktion der österreichischen „Presse“ feiert mit einer Sondernummer den 165. Geburtstag der Tageszeitung. Zwar fälscht sie damit die Pressegeschichte, denn die heutige „Presse“ ist nicht aus der 1848 gegründeten „Presse“, sondern aus dem Spin-off „Neue Freie Presse“ von 1864 hervorgegangen, aber da will ich jetzt nicht kleinlich sein. Vor allem deshalb nicht, weil die Redaktion der „Presse“ für die Jubiläumsnummer einen Beitrag von Betty Paoli, erstmals erschienen im Jahr 1865, abdruckt. Der Artikel ist im Original mit „Eine Zeitfrage“ betitelt und kann auch in einem von Eva Geber herausgegebenen Band mit Paoli-Essays, zu dem ich einen Text über Betty Paolis journalistisches Werk beigetragen habe, nachgelesen werden.

Die Zeitfrage ist die Frage nach der Qualifikation von Frauen für die Arbeitswelt, die sogenannte Frauenfrage, und der Kommentar von Bettina Steiner, der den Wiederabdruck des Texts begleitet, ist mit der Behauptung übertitelt: „Feminismus heute: Betty Paoli hätte die Quote gefordert“. Vielleicht hat sie damit recht, vielleicht würde Paoli aber auch meinen, dass ein Vorrang des biologischen Geschlechts vor der Qualifikation in keiner Hinsicht sinnvoll sei.

Ärgerlich ist es allemal, wenn man in einer Gesellschaft lebt, in der das „alberne Vorurteil“ blüht, „der beschränkteste Mann sei zu einer Anstellung in einem Geschäft, einem Comptoir, einer Schule besser befähigt als die intelligenteste Frau“ (Paoli in der „Neue Freie Presse“ 1866).

Paoli hat übrigens auch für die 1898 eingegangene „Presse“ geschrieben, und zwar gleich im Gründungsjahr der Zeitung 1848. Diese Artikel, in denen Paoli die Verirrungen der Revolution beklagt und pathetisch die Heiligkeit der Kunst beschwört, hätte die heutige „Presse“-Redaktion wohl nicht so gern in ihrer Jubiläumsnummer abgedruckt. Mit der politischen Haltung der Original-„Presse“ ist Betty Paoli ganz zufrieden. An Fürst Friedrich zu Schwarzenberg, den Sohn ihrer 1848 verstorbenen Arbeitgeberin, schreibt sie:

Ich erlaube mir Ihnen hier 2 Nummern, der Ihnen wahrscheinlich noch unbekannten „Presse“ zuzusenden; dieses Blatt ist ohne Vergleich das bedeutendste unter den in Wien erscheinenden und hat sich selbst Stadions Anerkennung erworben.

Mittwoch, 9. Januar 2013 von Karin S. Wozonig
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Betty Paoli und Jakob Kaufmann

Betty Paoli hatte viele interessante Freundinnen und Freunde. Durch ihre literarischen Erfolge lernte sie Dichter, Verleger und Redakteure kennen und bei ihrer Arbeit als Gesellschafterin traf sie auf die Salongäste ihrer Arbeitgeberinnen, auf Intellektuelle, Künstlerinnen und Künstler, Politiker und Mäzene. Für Paoli waren diese Beziehungen sehr wichtig, denn sie verschafften ihr die soziale Anerkennung, die sie qua Geburt (Stand und Geschlecht) nicht hatte. Die Freundschaftssemantik nimmt deshalb auch einen wichtigen Platz in Paolis Lyrik ein.

Die Anfrage eines Doktoranden, der sich mit einem Autor aus Paolis Freundeskreis beschäftigt, der heute fast vergessen ist, hat mich dazu gebracht, ein Huldigungsgedicht Paolis an diesen brüderlichen Freund, Jakob Kaufmann, wieder zu lesen. Kaufmann nahm an den vormärzlichen Bewegungen in Österreich und Deutschland Teil und war Mitarbeiter von Gustav Freytag bei den „Grenzboten“.

An Jakob Kaufmann

In der Heimath trauter Haft
Wolltest du nicht weilen;
Mög‘ auf deiner Wanderschaft
Dich mein Gruß ereilen.

Schmerzlich, freudig, mög‘ er dich
An die Zeit gemahnen,
Wo für flücht’ge Stunden sich
Kreuzten unsre Bahnen.

O wie froh ließ ich dein Wort
Meinen Geist umranken,
Und empfing von dir den Hort
Ew’ger Lenzgedanken!

Einen Strom von Poesie
Fühlt‘ ich mich umschwellen,
Meine Seele läuternd, wie
Heil’gen Stromes Wellen! –

Bruder! grüße ich dich leis‘
Hier in meinem Sange,
Weil ich keinen Namen weiß,
Der von süßrem Klange.

O gewiß! dein Herz verkennt
Nicht was meines flüstert:
Daß wir, ob für stets getrennt,
Doch für stets verschwistert.

Dienstag, 5. Juni 2012 von Karin S. Wozonig
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Schwanengesang auf Amerika

Die projektierte Veröffentlichung der Vorträge einer teilweise sehr unterhaltsamen Konferenz bringt mich dazu, mich mit den Anstößen und Hindernissen zu befassen, mit denen schreibende Frauen im neunzehnten Jahrhundert konfrontiert waren. Von Geniekult und Defizienzthese, von kreativem Konkurrenzkampf und von der Frauenfrage ließe sich viel erzählen.

Statt dessen möchte ich von Friederike Kempner (1826-1904) sprechen. Ihr Gedicht „Amerika“ (1873) möchte ich hier als Seitenstück zu dem schon zitierten Gedicht „Wanderlust“ (1849) von Rudolf Rodt präsentieren. Das ist keine Parodie. Vielmehr gehört Kempner zu den Dichterinnen und Dichtern, die mit ergötzlichem Resultat den abschüssigen Hang des Pathos herunterrutschen. (Weitere Beispiele dafür folgen in den nächsten Tagen hier in diesem Blog.)

Amerika

Amerika, Du Land der Träume,
Du Wunderwelt, so lang und breit,
Wie schön sind Deine Kokosbäume,
Und Deine rege Einsamkeit!

Mit Deinen blau und rothen Vögeln,
Mit Deinem stolzen Blumenheer,
Mit Deinen tausend Schiff‘ und Segeln,
Von denen voll Dein weites Meer.

Mit Deinen smaragdgrünen Blättern,
Mit Deiner duftig kühlen Nacht,
Zu nah’n Dir auf des Schiffes Brettern,
Dran hab‘ als Kind ich schon gedacht!

Trotz Deiner prächtig bunten Schlangen,
Trotz Deiner heißen Sonnengluth,
Gilt Dir mein eifriges Verlangen,
Das mächtig nun und nimmer ruht!

Dienstag, 22. Mai 2012 von Karin S. Wozonig
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Parodie und Politik

Wie „Phil“ in einem Kommentar ganz richtig angemerkt hat, kann das von mir in diesem Blog kürzlich in Auszügen zitierte, parodistische Wanderlied von Rudolf Rodt ein Beispiel für eine überzeitliche politisch-ideologische Satire sein. Der Wanderlustige appelliert an den „Alten“ (seinen Vater), ihn an die Orte seiner Träume ziehen zu lassen, die er, der Wanderlustige, sich durchaus bunt ausmalt. Das Gedicht hat Rodt, alias Ludwig Eichrodt, „zum Deklamiren für die deutsche Schuljugend“ verfasst, was sich sehr deutlich in den sinnigen Versen der Strophe 8 zeigt:

Nach Algerien, nach Algerien
Laß mich in den Osterferien…

Allerdings wird schnell klar, dass die gemeinte Schuljugend der typische deutsche Student und vormärzliche Burschenschafter auf der Suche nach dem besseren Leben ist. Nicht nur die Zeilen

Nach Franzosien, nach Franzosien
Wo die Rebellion gieng losigen…

sondern auch die Erwähnung von „Newyorkien“ als Ort

Wo genest der Europarier,
Wo der letzte Proletarier
sich in seid’ne Tücher schneuzt…

und viele andere Stellen des umfangreichen Wanderlieds sind Anspielungen auf die Freiheits- und Einigkeitsbestrebungen der Studenten in den deutschen Landen. Und am Ende geht das „Gespenst“ von Marx und Engels um:

Nach Utopien, nach Utopien
Werd‘ ich ziehn nach allem Obigen,
Wo die luft’gen Schlösser sind.
Wo kein Scheiden und kein Meiden,
Wo man lebt in ew’gen Freuden,
Und der Kommunismus grünt –
Dahin, Alter, laß uns ziehn!