Samstag, 24. Februar 2024 von Karin S. Wozonig
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Aufmerksamkeitsspanne

(Vorlesung) Herr Lewinsky versammelte, wie seit einer Reihe von Jahren regelmäßig in der Fastenzeit, auch heuer an einem Abende (Donnerstag) ein zahlreiches gebildetes Publicum im Musikvereinssaale, um demselben neuere Dichtungen zu recitiren. Für diesmal hatte er lyrische und erzählende Gedichte von Betty Paoli gewählt, deren Mehrzahl noch ungedruckt ist. […] Ob es gerathen war, nur Stücke und zwar so viele desselben Autors zu wählen, darüber allerdings ließe sich reden; gegen Ende der beinahe drei Stunden währenden Vorlesung war eine gewisse Abspannung der Zuhörer nicht zu verkennen.

Wiener Zeitung, 14. März 1869
Donnerstag, 7. Januar 2021 von Karin S. Wozonig
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Literarische Seuchenbekämpfung

Betty Paoli hatte ein Faible für Burgschauspieler, zum Beispiel für Josef Lewinsky. Mit diesem Protegé im Schlepptau besuchte die Dichterin Menschen, deren Bekanntschaft ihm dienlich sein konnte. Und so fuhren die beiden nach München zu dem Arzt und Autor Hermann Lingg. Den kennt heute kaum noch jemand, aber damals war er ein bekannter Balladendichter, gefördert von dem hochberühmten Lyriker Emanuel Geibel, der auch in diesem Blog einen Auftritt hatte.

Ein Werk von Lingg trägt den Titel Die Besiegung der Cholera, Untertitel Ein Satyrdrama mit Vorspiel.

Es ist ein recht amüsantes Epos, das Lingg unter dem Eindruck der Cholera-Pandemie von 1854 verfasst hat. Hier sei die Szene zitiert, in der der Tyrann Typhus, nach Beratung mit seinem Staatsrat, bestehend aus dem Präsidenten Trismus, dem Außenminister Aussatz und dem Admiral Skorbut (seine Botin Gicht vermerkt: „Den Zoster, scheint’s, vergisst er“), seine Frau, die Cholera, nach Europa schickt:

Typhus:
Unglückliche Sultanin, Herrscherin der Todten,
Die Hölle, die uns zwingt, hat mir geboten,
Dich zu verweisen nach Europas Westen,
Dort Himmel, Meer und Erde zu verpesten.
Du siehst, wie sehr ich Deinen Abschied fühle,
Ich weine Thränen vieler Krokodile.
Die Wechselfieber nimmst Du zur Bestreitung
Der Kosten, Eminenz den Scharlach als Begleitung,
Die Ruhr als Kammerzof, und als Lakai den Friesel.
Leb wohl, und komm zurück, gesunder als ein
Wiesel! –

Sonntag, 21. Oktober 2012 von Karin S. Wozonig
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Walter Scott, Übersetzungsvergleich

In den beiden letzten Blogeinträgen habe ich die erfolgreiche Rezitation des „Hochländischen Kriegslieds“ von Betty Paoli durch den Schauspieler Josef Lewinsky erwähnt. Die Neue Freie Presse schreibt darüber:

Als er (Lewinsky) das hochländische Kriegslied mit so zündender Gewalt des Wortes und der Geberde gelesen hatte, daß wir fast die nervenaufregenden Klänge des altschottischen Pibrochs zu hören meinten, brach ein Beifallssturm los, der erst endete, als der Vorleser die Wiederholung des Gedichtes begann.

Heute finden Sie hier dieses Gedicht in drei Fassungen: das Original von Walter Scott, eine Übersetzung von Ferdinand Freiligrath und – als erstes – die Bearbeitung von Betty Paoli.

Betty Paoli: Hochländisches Kriegslied aus dem XV. Jahrhundert

Pibroch von Donald Dhu,
Schalle! ertöne!
Wecke aus träger Ruh‘
Clan Donald’s Söhne!
Kommet in Eil‘ heran,
Kommt im Vereine,
Kriegerisch angethan,
Herr’n und Gemeine!

Kommt aus der Thäler Grund,
Kommt von den Höhen!
Seht unser Banner, bunt,
Trutziglich wehen!
Kommt, von dem Plaid bedeckt,
Herzen voll Treue!
Tapf’re, die nichts erschreckt,
Zeigt euch aufs neue!

Laßt eu’rer Heerden Schaar
Achtlos entweichen,
Öde den Traualtar,
Grablos die Leichen!
Lasset den Hirsch, das Reh,
Netze und Schlingen!
Muthiger gilt’s als je
Schwerter zu schwingen!

Kommt wie der Sturm, wenn er
Wälder zersplittert!
Kommt wie das grimme Meer,
Wenn es gewittert!
Kommet, o kommet All‘!
Kommt zum Gefechte!
Häuptling und Lehnsvasall,
Freie und Knechte!

Kommen schon seh‘ ich sie,
Waffen erblitzen!
Feder und Heideblüh‘
Auf ihren Mützen!
Rasch auf die Feinde zu!
Spart nicht mit Streichen!
Pibroch von Donald Dhu,
Schmett’re das Zeichen!

Walter Scott: Pibroch of Donuil Dhu (1816)

Pibroch of Donuil Dhu,
Pibroch of Donuil,
Wake thy wild voice anew,
Summon Clan Conuil.
Come away, come away,
Hark to the summons!
Come in your war array,
Gentles and commons.

Come from deep glen, and
From mountain so rocky,
The war-pipe and pennon
Are at Inverlochy.
Come every hill-plaid, and
True heart that wears one,
Come every steel blade, and
Strong hand that bears one.

Leave untended the herd,
The flock without shelter;
Leave the corpse uninterr’d,
The bride at the altar;
Leave the deer, leave the steer,
Leave nets and barges:
Come with your fighting gear,
Broadswords and targes.

Come as the winds come, when
Forests are rended;
Come as the waves come, when
Navies are stranded:
Faster come, faster come,
Faster and faster,
Chief, vassal, page and groom,
Tenant and master.

Fast they come, fast they come;
See how they gather!
Wide waves the eagle plume,
Blended with heather.
Cast your plaids, draw your blades,
Forward each man set!
Pibroch of Donuil Dhu,
Knell for the onset!

Ferdinand Freiligrath: Pibroch of Donald Dhu

Donuil Dhu’s Kriegsgesang!
Schlachtlied von Donuil!
Töne mit wildem Klang,
Wecke Klan Conuil!
Kommt herbei, kommt herbei;
Auf zum Gefechte!
Horcht auf das Feldgeschrei,
Herren und Knechte!

Meidet die Schlucht, so wild,
Felsige Bahnen!
Hört, wie die Pfeife schrillt!
Schaut auf die Fahnen!
Hügel-Plaid, Hochlands-Schwert,
Kommet hernieder!
Und wer sie trägt und ehrt,
Muthig und bieder!

Lasset die Braut, das Weib!
Lasset die Heerde!
Lasset des Todten Leib
Ueber der Erde!
Lasset die Jagd, den Teich,
Barken und Schlingen!
Bringt euer Kriegeszeug,
Tartschen und Klingen!

Kommt, wie der Sturm kommt, wenn
Wälder erzittern!
Kommt, wie die Brandung, wenn
Flotten zersplittern!
Schnell heran, schnell herab,
Schneller kommt Alle,
Häuptling, und Bub‘ und Knapp‘,
Herr und Vasalle!

Seht, wie sie kommen! seht,
Wie sie sich schaaren!
Haidkraut im Winde weht,
Feder des Aaren!
Weg den Plaid, zieht das Schwert!
Vorwärts, ihr Leute!
Donuil Dhu’s Kriegsgesang
Töne zum Streite!

Montag, 8. Oktober 2012 von Karin S. Wozonig
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Kontinuität bei Programm und Publikum

Josef Lewinsky, einer der bedeutendsten Burgschauspieler aller Zeiten und ein Protegé Betty Paolis, trat wie im vorigen Blogeintrag berichtet, 1869 mit Gedichten Paolis im alten Musikvereinssaal auf. Das war eine wirksame Werbetour für Paolis Gedichtband „Neueste Gedichte“. Lewinsky, ein großer Rezitator (hier können Sie ihn hören), nahm einige Gedichte Paolis in sein Dauer-Programm auf. 1882 trat er in Baden – wieder vor distinguiertem Publikum – mit einigen Paoli-Gedichten auf, darunter das schon 1869 begeistert aufgenommene „Hochländische Kriegslied“. Das Badener Bezirks-Blatt berichtet:

Lewinsky-Vorlesung. … Die von Herrn Lewinsky selbst getroffene Wahl des Programmes erwies sich als eine vortreffliche und wohlberechtigte, und steigerte sich der Enthusiasmus von Nummer zu Nummer. Die Gedichte von Paoli, u. z. „Der Minotaurus“, „Ich dien‘“, „Das Entscheidende“, „Nimm dich zusammen“, „Morituri te salutant“ (Die Todgeweihten grüßen Dich) und „Hochländisches Kriegslied“ bildeten die Einleitung des Abends … Wenn Herr Lewinsky von seinem durch einen Lampen-Dualismus beleuchteten erhöhten Standpunkte einen Blick in den dichtgefüllten Saal geworfen hat, so wird sein Auge gewiß einer höchst distinguirten Gesellschaft begegnet sein, von welcher die Vertreterinnen des schönen Geschlechtes, gewiß ihm zu Ehren, sogar in grand toilette erschienen waren.

Betty-Paoli-Lesung vor distinguiertem Publikum

Am 11. März 1869 veranstaltete der Hofschauspieler Josef Lewinsky eine Lesung mit Gedichten von Betty Paoli. Die Auswahl der Gedichte zeugt von Paolis breitem literarischem Interesse in den späteren Jahren ihres Schaffens. Nach drei sehr erfolgreichen Gedichtbänden in spätromantisch-weltschmerzlicher Tradition in den 1840er und 1850er Jahren wandte sie sich der schwierigen Kunst des Huldigungsgedichts, literarischen Übersetzungen (das unten erwähnte „Hochländische Kriegslied“ basiert auf einer Vorlage von Walter Scott) und der Ballade zu. Die in der Lesung vorgetragenen Gedichte wurden in Paolis Gedichtsammlung „Neueste Gedichte“ (Wien 1870) aufgenommen.

Zur Vorlesung der neuesten Gedichte Betty Paoli’s durch den Hofschauspieler J. Lewinsky hatte sich gestern Abends im Musikvereinssaale ein sehr zahlreiches und sehr distinguirtes Auditorium eingefunden. … Unter den zehn Sonetten zündeten besonders die beiden: „An Heinrich Anschütz“, „Unsere Zeit“, ein echt modernes, körniges Gedicht, und „Treue“. Ebenso fein gedacht als gelungen durchgeführt sind die zwei elegischen Dichtungen: „An Julie Rettich“, die einstens intimste Freundin der Dichterin. In der zweiten Abtheilung erregte das Gedicht: „Hochländisches Kriegslied“ durch seine lebhafte markige Schilderung einen solchen Beifallsturm, daß es wiederholt werden mußte. Gleicher Anerkennung hatten sich auch die übrigen Gedichte, insbesondere die drei epischen: „Rabbi Löw“ (talmudische Sage), „Nadara“ (indische Legende) und „Andreas Baumkircher“, ein historische Gedicht aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, zu erfreuen.
Die Presse, 13. März 1869

Sonntag, 6. Dezember 2009 von Karin S. Wozonig
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Hochtönender Vortrag

Vor kurzem wurde mir ein Artikel über „Die Kunst, pathetisch zu sprechen“ zur Kenntnis gebracht (Reinhart Meyer-Kalkus, FAZ 11. November 2009). Das bringt mich dazu, über Josef Lewinsky, geboren 1835 in Wien,  gestorben 1907 ebenda, Hofschauspieler, Regisseur, Schriftsteller und gefeierter Rezitator, zu berichten. Von 1858 bis 1907 war Lewinsky Charakterdarsteller am Wiener Burgtheater, ab 1870 arbeitete er auch als Regisseur.

Seine ersten Rollen spielte er in „Die Räuber“ und in „Clavigo“. Von der Theaterkritikerin der Oesterreichischen Zeitung, Betty Paoli, mit der ihn später eine enge Freundschaft verband, wurde Lewinsky hymnisch hochgeschrieben. Paoli nahm sich seines Sprechstils und seiner Interpretation an und unterstützte ihn mit ihrer Expertise als Sprachlehrerin, Übersetzerin französischer Stücke und Autorin formstrenger Gedichte.

Es gibt ein Tonzeugnis der Vortragskunst Josef Lewinskys: Die Österreichische Mediathek stellt seine Rezitation des Gedichts „Die drei Zigeuner“ von Nikolaus Lenau aus dem Jahr 1901 zur Verfügung.

Freitag, 3. Juli 2009 von Karin S. Wozonig
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Nochmals: Betty Paoli und Otto Ludwig

Otto Ludwig schreibt am 5. 1. 1864 an Josef Lewinsky, Burgschauspieler und Freund von Betty Paoli :

Daß Fräulein Betty Paoli einige Zeit hier zubringen will, würde mich weit mehr freuen, wenn ich mich im Stande fühlte, die Anregung, die sie bringen muß, wohin sie ihren Fuß setzt, recht zu verwerten; ich für meinen Teil, fürchte ich, werde ihr nur Langeweile machen können.