Dienstag, 6. April 2021 von Karin S. Wozonig
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Falscher Frühling gereimt

Ich habe in diesem Blog gelegentlich etwas über Biedermeieralmanache geschrieben, diese interessanten Verlagsprodukte, bebildert, mit Musikbeilagen versehen, im dekorativen Samteinband oder – wohlfeil – mit geprägter Vignette, die sich unter den Auspizien der vormärzlichen Zensur und rigider Moralvorstellungen an oberflächlich gebildete, tugendhafte Mädchen und Frauen von bürgerlichem Stand wandten.

Ja, es lässt sich in solchen literarischen Taschenbüchern so mancher Fund machen, es gibt darin manchmal Texte, die nicht ins Klischee passen. Häufiger aber ist das Reimgeklingel.

Bei aller meteorologischen und botanischen Korrektheit: Vom prosodischen Standpunkt aus betrachtet ist die Kombination von Almanach und Frühling echt die Härte. Beispiel gefällig? Franz Fitzinger, 1842:

Falscher Frühling

Schneebedeckt noch war die Flur,
Blätterlos die Bäume,
Noch im Schooße der Natur
Schlummerten die Keime.

Doch im eisig kalten März
Weht es warm ein Weilchen;
Sieh, da hebt sich himmelwärts
Aus der Erd‘ ein Veilchen.

Und beklommen sieht es da
Weite Schneegefilde;
Doch, es weh’n die Lüfte ja
Schmeichelnd, sanft und milde!

Mit dem Hauche neigt‘ es sich
Kosend auf und nieder,
Bis – gar bald – die Wärme wich;
Winter ward es wieder!

Jenes Weiß, kein Blütenschnee,
Lenzhauch ohne Dauer;
Ach! dem Veilchen wird so weh,
Senkt das Haupt in Trauer.

Und so welkt‘ es schnell dahin,
Sterbend, kaum geboren;
„Warmer Hauch mit kaltem Sinn,
Bin durch dich verloren!“

„Unbeständige Natur,
Schnellverglühte Triebe!
Ach, es hat der Frühling nur
Warmen Hauch der Liebe!“

Donnerstag, 1. Oktober 2020 von Karin S. Wozonig
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Betty Paoli rezensiert Gedichte – oder auch nicht

„Zehn Bände Gedichte liegen vor uns. Zehn Bände! Du brauchst aber deshalb nicht zu erschrecken, lieber Leser; es fällt uns nicht im Traume ein, dir über diese ganze Bibliothek zu referiren. Von den erwähnten zehn Bänden stehen sieben so tief unter der Mittelmäßigkeit, daß die Kritik nicht mehr mit ihnen zu schaffen hat, wie mit dem Gequake der Frösche, deren lyrischer Drang sich an schönen Sommerabenden Luft macht. Weil wir aber nicht fordern können, daß du uns dies auf’s Wort glaubest, wollen wir unsere Behauptung mit einigen Citaten unterstützen. Hast du an diesen nicht genug und forderst dann noch eine gründliche Analyse des Ganzen, so soll dir werden, was du verdienst. Thörichtes Verlangen wird am härtesten dadurch bestraft, daß man es gewährt. Vorläufig erfreu dich an den folgenden Citaten.
Herr Carl Ludwig Blum singt (Seite 46) in dem „Lied einer Wahnsinnigen“:

„Holofernes und David und Salomon,
Diese drei Weisen, die wußten es schon!
Adam und Eva hat’s Lieben erdacht,
Ich mit mein’m (!!!) Schätzel hab’s auch so gemacht.“

In einem andern „mit einer Mundtasse“ betitelten Gedicht heißt es:

„Sieh Mamachen diese Tasse
Und darin ist auch Kaffee!
Du verstehst dich auf dies Nasse
Mehr als ich auf’s ABC.“

Ehrlich gestanden ist uns Herr Blum unter dem poetischen Siebengestirn noch beiweitem der Liebste. Seine Verse sind nicht mittelmäßig, sie sind positiv schlecht; die Gedanken, die er vorbringt, sind nicht abgeblaßte Reflexe fremder Ideen, nein! sie glänzen durch selbstständige Absurdität, mit einem Wort, sein Buch hat einen ausgesprochenen Charakter, und es ließe sich daraus eine Blumenlese zusammenstellen, die im Verein mit kalten Waschungen, Bewegung im Freien und dem Gebrauch des Kissingerbrunnens zur Heilung manchen Hypochonders beitragen dürfte. Die andern sechs Bände sind nur langweilig…“

Betty Paoli: Bücherschau. In: Wiener Lloyd 15. Juni 1854 , S. 1-3.

Sonntag, 8. März 2020 von Karin S. Wozonig
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Keine psychologische Erörterung zum Frauentag

Hieronymus Lorm: Meditationen über deutsche Lyrik, 1877:

Von der Untersuchung … schließe ich die Büchlein mit weiblichen Autornamen aus. … Edle Frauen mit genialen – Ansprüchen bedenken selten, daß ihr Ehrgeiz an zwei Tafeln zugleich schwelgen will, an der des moralischen wie an der des artistischen Ruhmes, daß aber die gute Meinung, die man einem Buch von ihnen entgegenbringt, von der anderen Seite die schlechtere Meinung ist, die man ihrer Persönlichkeit widmet, weil der Rang, den man der weiblichen Tugend und der Rang, den man der Kunst flicht, beinahe zwei einander ausschließende Sphären sind. Talent haben ist schon an sich eine Tragödie, setzt einen Zwiespalt, oft einen schuldvollen Bruch mit den normalen oder mindestens mit den herkömmlichen Gesetzen des Lebens theoretisch voraus und führt ihn praktisch herbei. Es bedarf weiter keiner psychologischen Erörterung, daß der Schauplatz für die höchsten dichterischen oder mimischen Darstellungen nicht das Gynaikeion sein kann.

Montag, 20. Mai 2019 von Karin S. Wozonig
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Auch ich in Galizien

Mit sechzehn Jahren musste Betty Glück, später bekannt unter dem Namen Betty Paoli, mit ihrer Mutter von Wien nach Russland übersiedeln, um dort als Gouvernante Geld zu verdienen. Aber die beiden waren nicht glücklich im fremden Land, und so zogen sie nach Österreich zurück (bei Nacht und Nebel weil illegal, so erzählte es Marie von Ebner-Eschenbach) und zwar nach Galizien, konkret in den Teil, der heute zu Polen gehört. Dort lernte Betty Glück einen interessanten Herren namens Carl Lewinski kennen, der später Karriere bei der österreichischen Polizei machen sollte, zu der Zeit aber noch k.k. Landrechtsauscultant in Lemberg war. Dass Lewinski nicht nur ein besonderer Freund sondern auch ein kritischer Heine- und Lenauleser und als solcher eine wichtige literarische Auskunftsperson für Paoli war, habe ich beim wissenschaftlichen Kolloquium der 6. Österreich-Tage in Drohobytsch, der Stadt von Bruno Schulz, erzählt.

Von drei Tagen Konferenz kann ich berichten, aber wie immer, wenn es in meinem Blog um Zusammenkünfte wissenschaftlicher Art geht: Ich widme mich dem Rahmenprogramm. Das hat es wirklich in sich gehabt. Drohobytsch hat nicht nur eine Uni mit einem großen Festsaal, sondern auch ein imposantes Kulturhaus, eine Stadtbibliothek, ein Kunstpalais und eine sehr hübsche Österreich-Bibliothek, deren Leiter Jaroslaw Lopuschanskyj für die Organisation der Österreich-Tage zuständig ist. Und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, er ist ein großer Organisator.

Fotoausstellungen, Lesungen, eine literarisch kommentierte Ausstellung zu Georg Trakl, Konzerte, Buchpräsentationen… kaum zu glauben, was man an drei Konferenztagen neben den Vorträgen noch alles unterbringen kann. Und dabei habe ich die Besichtigung der St. Georgskirche, einer Holzkirche aus dem späten 15. Jahrhundert, noch gar nicht erwähnt, und den Spaziergang über das Gelände der stillgelegten Saline.

Salz war wirtschaftlich und ist in der Küche wichtig, Essen und Trinken ist völkerverbindend, daher noch etwas zum kulinarischen Rahmenprogramm, zu dem auch ein besonderes salzburgisches Abendessen von Roland Essl und großzügig gespendeter Wodka gehört hat. In der Ukraine gibt es guten Kaffee (Kolschitzky, der nach einer Legende, die vielleicht nicht wahr ist, das erste Wiener Kaffeehaus gegründet hat, wurde in der Nähe von Lemberg geboren) und: Das Land ist reich an Pilzen.

Dienstag, 26. Februar 2019 von Karin S. Wozonig
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Droste-Hülshoff ist auch nicht schlecht

In diesem Blog wird ja ziemlich oft über die größte österreichische Dichterin des neunzehnten Jahrhunderts geschrieben. Da sollte man gelegentlich erwähnen, dass Annette von Droste-Hülshoff auch echt gut war, was Betty Paoli neidlos und in einem langen Gedicht anerkannt hat. Neuerdings gibt es ein umfangreiches Droste-Hülshoff-Handbuch, eine Rezension darüber können Sie hier lesen.

Montag, 7. Januar 2019 von Karin S. Wozonig
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Literatur und fake news

„Th. H.“ in einem Almanach 1836

Montag, 14. November 2016 von Karin S. Wozonig
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Salonfähiger Idealismus

Die Kaffeehausgespräche, mein literarisches Privatvergnügen, gehen weiter. Nächste Woche widmen wir uns im Salon dem Literaturnobelpreisträger Bob Dylan. Wieder habe ich eine Gastsalonière dazugebeten, nämlich die Historikerin und Bassistin Andrea Wienhaus. Ich bin gespannt auf den Abend.

Donnerstag, 20. Oktober 2016 von Karin S. Wozonig
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Die Aufgabe der Dichtung

Heute und morgen findet in Wien ein Grillparzer-Symposium statt. Aus diesem Anlass und als Kommentar zum vorherigen Blogpost gibt es hier wieder einmal Grillparzer-O-Ton:

Notwendiger Gegensatz

Ist Prosa der Sinn im Beweisen und Lehren,
Kann Dichtkunst den Unsinn wohl kaum entbehren.

Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 3. Gedichte III, S. 196

Sonntag, 16. Oktober 2016 von Karin S. Wozonig
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schreibenzeichnensingen

In Vorbereitung auf meinen verflossenen Gastauftritt beim literarischen Kamingespräch „tea for three“ (Dank an Daniela Strigl und Klaus Nüchtern für die Einladung!) habe ich das Buch „Verbannt!“ von Ann Cotten gelesen, eine wilde Geschichte mit einer auf eine Palme gebrachten Protagonistin mit Persönlichkeitsstörung und mit dem personifizierten Internet, das, wie könnte es anders sein, ein Kabel ist; aber nicht irgendeines, sondern eines, das einem letscherten Soletti ähnelt.

Das alles ist in Pseudo-Spenser-Strophen verfasst, oder auch nicht, wie es der Autorin gerade einkömmt. Auf jeden Fall reimt sie viel, und was sich reimt, ist gut. Allerdings reimt sie auch ziemlich viel nicht und das ist auch nicht schlecht. Thematisch bewegt sich dieses Versepos sehr behände zwischen Plastikmüll, Medienschelte, Kapitalismuskritik und Massentierhaltung – und noch einigem anderen.
Das Buch eignet sich sehr gut für das solitäre Lautlesen und für das Vorlesen in geselliger, Wortwitz schätzender Runde. Hier meine Lieblingsstellen, dem Metadiskurs entnommen:

„Macht also besser gleich Bier aus den jungen Dichtern!
Malzapparate gibt es schon zuhauf.
Macht Bier auch aus den Kritikern und Kunstrichtern!
Lasset sie kommen, stampfet sie und sauft!“

„Ein Wort haut das andere, dieses haut zurück, und dann
kommen noch mehr dazu.“

Soviel zum Buch, das von der Autorin selbst herzerwärmend illustriert wurde und eine lohnende Lektüre ist.

Dank des Salons „Musenküsse“ von Eva Geber und Verena Dürr weiß ich, dass Ann Cotten außer schreiben und zeichnen auch noch singen kann. Und dazu möchte ich sagen: Sollten Ann Cotten und ihre Schwester Lucy (sie spielt Cello und als Combo sind sie „dental princes“) in Ihrer Nähe einen Auftritt haben, lassen Sie alles liegen und stehen und gehen Sie hin. Sie werden es nicht bereuen.

Freitag, 6. Mai 2016 von Karin S. Wozonig
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Sammlung komplett

Betty Paoli war in den 1840er Jahren sehr erfolgreich. Ihre ersten Gedichtsammlungen erschienen in zwei Auflagen. In der Zeit von 1841 bis 1870 erschienen neun Bände Gedichte von ihr:

Gedichte. Pesth: Heckenast 1841
Nach dem Gewitter. Gedichte. Pesth: Heckenast 1843
Gedichte. Zweite vermehrte Auflage. Pesth: Heckenast 1845
Romancero. Leipzig: Wigand 1845
Neue Gedichte. Pest: Heckenast 1850
Nach dem Gewitter. Zweite um die Hälfte vermehrte Auflage. Pesth: Heckenast 1850
Lyrisches und Episches. Pest: Heckenast 1855
Neue Gedichte. Zweite vermehrte Auflage. Pest: Heckenast 1856
Neueste Gedichte. Wien: Gerold’s Sohn 1870

Außerdem erschien 1895 ein Nachlassband, von dem es auch eine zweite Ausgabe gibt:

Gedichte von Betty Paoli. Auswahl und Nachlaß. Stuttgart: Cotta 1895
Ausgewählte Gedichte von Betty Paoli. Stuttgart, Berlin: Cotta Nfg.