Dienstag, 25. Juli 2017 von Karin S. Wozonig
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Endlich wieder Biedermeier

Ich möchte eine Neuerscheinung anzeigen: WAS Nr. 110

WAS – eine Zeitschrift in Buchform. Zum Vor-, Mit- und Nachdenken. Mit Themen diesseits realer Utopie, jenseits unwirklichen Zeitgeists. Interpretiert aus unterschiedlichen Perspektiven von Literaten, Wissenschaftern, Unternehmern, Realisten und Visionären – Männern wie Frauen.

sagt die Verlagsseite. Und in der neuesten Nummer mit dem Titel „wieder bieder“ fragen sich Autorinnen und Autoren mit dem Herausgeber Michael Steiner:

Leben wir in einem neuen Zeitalter des Biedermeier?

Wieso neues Zeitalter? Frage ich zurück. Wir sind nie wirklich herausgekommen aus dem Biedermeier. Aber der Befund im Editorial ist sicher richtig:

Das Biedermeier ist zu einer Metapher des Unpolitischen geworden – mit Neuauflage in der Gegenwart: Rückzug ins Private, Wunsch nach Autoritäten, denen die Verantwortung für Gestaltung abgegeben wird, bei gleichzeitiger Kritik an allem Bestehenden.

Der historisch begründete Einspruch, die Zweifel und der Aufruf zum Denken folgen auf den Fuß:

Ja – aber: War das Biedermeier wirklich so biederlich? Wie bieder ist das Private – wie viel davon brauchen und wollen wir? Wie bieder ist derzeit das Öffentliche, „die Politik“? Ist die Trennung von privatem und öffentlichem Raum noch zulässig?

„wieder bieder“ ist ein Plädoyer für ein neues Aufklärungsdenken, das Verantwortung für das Private und Öffentliche gleichermaßen ernst nimmt.

Ich bin ja immer dafür, dass man das Biedermeier von allen Seiten beleuchtet, von der parodistischen bis zur bärtigen. Als man mir die Gelegenheit gegeben hat, etwas zu „wieder bieder“ beizutragen – danke! -, habe ich mich für das Thema gesellige Zusammenkünfte entschieden. Ja, Betty Paoli kommt darin auch vor.

Donnerstag, 12. Januar 2017 von Karin S. Wozonig
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Bärtiger, modebewusster Biedermeier

Eine Ergänzung zum vorherigen Blogeintrag über den Hipster Graf Edmund Zichy:

[Zichy] war kurz zuvor von einer Orientreise zurückgekehrt und wollte von sich ein Porträt besitzen, das ihn in den Kleidern, die er mitgebracht hatte, zeigte. Er fand in Borsos einen kongenialen Bildnismaler, zugleich sollte dieses als Erinnerungsstück geplante Gemälde den Ruf des jungen ungarischen Malers als Porträtist begründen.

Zitat aus dem sehens- und lesenswerten Katalog zur Ausstellung: Ist das Biedermeier? Amerling, Waldmüller und mehr. Herausgegeben von Agnes Husslein-Arco und Sabine Grabner, Wien 2016

Bärtiger Biedermeier

Im Unteren Belvedere in Wien läuft noch bis zum 12. Februar die sehenswerte Ausstellung „Ist das Biedermeier?“ Berechtigterweise geht die Kuratorin Sabine Grabner davon aus, dass es eine sehr konkrete Vorstellung davon gibt, was das Biedermeier sei. Der parodistische Aspekt fehlt heute dabei, die Konzentration liegt wohl auf der wenn auch kitschigen, so doch ernstgemeinten Idylle und auf dem Rückzug in die eigenen vier Wände.

Wenn man wie diese Ausstellung das Biedermeier ungefähr fünfzehn Jahre zu spät beginnen und erst 1860 enden lässt (die politischen Ereignisse, die üblicherweise die Epochengrenzen darstellen, sind der Wiener Kongress am Anfang und die sogenannte Bürgerliche Revolution von 1848 am Ende), dann hat man das Klischee zwar schon von vornherein ausgehebelt und die Frage im Titel lässt sich ohne viel Nachdenken für ziemlich viele Bilder mit Nein beantworten. Aber im Untertitel der Ausstellung „Amerling, Waldmüller und mehr“ steckt das Wichtige: Zwar sehen wir unter anderem die „Lautenspielerin“ von Friedrich von Amerling und das Selbstporträt von Georg Ferdinand Waldmüller, also klassisches Biedermeier, vor allem aber wird der geographische Rahmen erweitert und es gibt nicht nur die üblichen in Wien oder Linz (ein Bild von Adalbert Stifter ist auch zu sehen) ansässigen Österreicher, sondern auch die unüblichen, nämlich Maler aus habsburgischen Kronländern, aus dem heutigen Slowenien, Italien und Tschechien bzw. aus Ungarn.

József Borsos z.B. wurde 1821 in Veszprém geboren und starb 1883 in Budapest. Er ist mit dem Bild „Der Emir vom Libanon“ in der Ausstellung vertreten, das auch als Plakatsujet dient.

Und bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass dieser Emir vor Kurzem einen Auftritt hier im Blog hatte, nämlich als früher Hipster. Denn es handelt sich bei dem bunten Orientalen um den besonders hübsch frisierten Grafen Zichy, dessen Barttracht zu seiner Zeit so berühmt war, dass sich Betty Paoli in einem Brief an Marie von Ebner-Eschenbach darauf beziehen konnte.

Wer es noch nicht geahnt hat, kann es in dieser Ausstellung lernen: Das Biedermeier ist immer mehr als das „Biedermeier“.

Dienstag, 5. Juli 2016 von Karin S. Wozonig
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Stifter mit Goethe

Am 13. Juli gibt es wieder ein Kaffeehausgespräch, in dem es um einen österreichischen Autor gehen wird, nämlich um Adalbert Stifter (1805-1866). Statt aller weiteren Rechtfertigung, warum ausgerechnet er, sei hier ausnahmsweise Goethe zitiert:

In der Poesie gibt es keine Widersprüche, diese sind nur in der wirklichen Welt, nicht in der Welt der Poesie. Was der Dichter schafft, das muss genommen werden, wie er es geschaffen hat. So wie er seine Welt gemacht hat, so ist sie. Was der poetische Geist erzeugt, muß von einem poetischen Gemüt empfangen werden. Ein kaltes Analysieren zerstört die Poesie und bringt keine Wirklichkeit hervor. Es bleiben nur Scherben übrig, die zu nichts dienen und nur inkommodieren. (Goethe, 1806)

 

Montag, 1. Juni 2015 von Karin S. Wozonig
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Brach

Er liegt ein bisschen brach, dieser Blog. Das wirkliche Leben beansprucht meine ganze Aufmerksamkeit. Dass ich hier seit Monaten nicht mehr über Betty Paoli geschrieben habe, bedeutet natürlich nicht, dass ich nicht an anderem Ort über sie veröffentliche: Mein Aufsatz „Liebeslyrik und Biedermeierprosa. Bürgerliche Familienkonzepte bei Betty Paoli“ ist im JOURNAL OF AUSTRIAN STUDIES, VOL. 48, NO. 1, S. 81-103 erschienen. Er basiert auf einem Vortrag, den ich vor einiger Zeit in Denver – auch eine schöne Stadt! – gehalten habe.

Mittwoch, 9. Oktober 2013 von Karin S. Wozonig
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Familienkonflikte und Germanistenkonferenz

Ich war auf der Konferenz der German Studies Association in Denver. In einem Panel dieser groß angelegten Veranstaltung habe ich meine Überlegungen zu Familienkonflikten im Prosawerk Betty Paolis vorgetragen. Zwanzig Novellen bzw. Erzählungen von Paoli habe ich mittlerweile gefunden und in vielen davon geht es um die Dysfunktionalität bürgerlicher Familien. Fast immer scheitern die Figuren an den von ihnen verinnerlichten Idealvorstellungen bürgerlichen Verhaltens. Fast immer ergreift die Erzählinstanz die Partei der normierenden und kontrollierenden Umgebung.

Diese Novellen und Erzählungen sind, wenn man sie so hintereinander wegliest, recht ermüdend, aber sie präsentieren ein Problem, das sich in ihrer Entstehungszeit entwickelt und verfestigt hat und bis heute nicht wirklich gelöst ist. Bei der Konferenz habe ich Gelegenheit gehabt, mit einer kompetenten Historikerin darüber zu sprechen, wie weit die Literatur des neunzehnten Jahrhunderts die realen Familienkonstellationen der Zeit abbildet; ein interessantes Thema, für dessen Behandlung ein interdisziplinärer Ansatz von großem Vorteil ist.

Dienstag, 22. Mai 2012 von Karin S. Wozonig
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Parodie und Politik

Wie „Phil“ in einem Kommentar ganz richtig angemerkt hat, kann das von mir in diesem Blog kürzlich in Auszügen zitierte, parodistische Wanderlied von Rudolf Rodt ein Beispiel für eine überzeitliche politisch-ideologische Satire sein. Der Wanderlustige appelliert an den „Alten“ (seinen Vater), ihn an die Orte seiner Träume ziehen zu lassen, die er, der Wanderlustige, sich durchaus bunt ausmalt. Das Gedicht hat Rodt, alias Ludwig Eichrodt, „zum Deklamiren für die deutsche Schuljugend“ verfasst, was sich sehr deutlich in den sinnigen Versen der Strophe 8 zeigt:

Nach Algerien, nach Algerien
Laß mich in den Osterferien…

Allerdings wird schnell klar, dass die gemeinte Schuljugend der typische deutsche Student und vormärzliche Burschenschafter auf der Suche nach dem besseren Leben ist. Nicht nur die Zeilen

Nach Franzosien, nach Franzosien
Wo die Rebellion gieng losigen…

sondern auch die Erwähnung von „Newyorkien“ als Ort

Wo genest der Europarier,
Wo der letzte Proletarier
sich in seid’ne Tücher schneuzt…

und viele andere Stellen des umfangreichen Wanderlieds sind Anspielungen auf die Freiheits- und Einigkeitsbestrebungen der Studenten in den deutschen Landen. Und am Ende geht das „Gespenst“ von Marx und Engels um:

Nach Utopien, nach Utopien
Werd‘ ich ziehn nach allem Obigen,
Wo die luft’gen Schlösser sind.
Wo kein Scheiden und kein Meiden,
Wo man lebt in ew’gen Freuden,
Und der Kommunismus grünt –
Dahin, Alter, laß uns ziehn!

Montag, 14. Mai 2012 von Karin S. Wozonig
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Biedermeier als Parodie

Das Grimmsche Wörterbuch weiß zum Begriff „Parodie“ zu sagen:

umbildung einer bekannten ernsten dichtung mit beibehaltung ihrer form ins scherzhafte oder spöttische, dann auch im übertragenen sinne (aus griech. parōdía neben-, gegengesang, dann umdichtung allgemein bekannter und berühmter gedichte, so dasz bei geringer veränderung der worte statt des erhabenen ein gemeiner und lächerlicher sinn hervorgeht.)

Aus dem Biedermann (vir bonus) ist mit wenigen literarischen Griffen ein Biedermeier zu machen und die begriffliche Gratwanderung entspricht der so bezeichneten Epoche.

Rudolf Rodt hat nicht nur an der parodistischen Epochenbezeichnung mitgewirkt, sondern auch ernste Dichtung mit Beibehaltung ihrer Form ins scherzhafte umgebildet. Während der „Taugenichts“ von Eichendorff spätromantisch-freudig „nach Italien, nach Italien!“ läuft, wo er das gute Leben findet und wo Goethes „Mignon“ von Zitronenblüten und Gold-Orangen träumt, „wohnt“ in Rodts Italien die mehrdeutige Pomeranze. Und so sieht der sehnsüchtige Wanderlustige aus Rodts Gedicht „Wanderlust“ (1849) Kalifornien:

Aber jetzt! nach Kalifornigen
Jagt es mir den Sinn den zornigen,
Der schon längst dahin geschwärmt:
Wo die goldnen Adern ziehen,
Durch die schweigenden Prairieen,
Und der Sakramenter lärmt –
Dahin, Alter, laß mich ziehn!

Nach Kalifornigen, nach Kalifornigen
Fang ich an das Lied von vornigen,
Wo der ew’ge Dollar rollt,
Wo es gelber wird und gelber,
Wo des Wandrers Adern selber
Wandeln sich in flüssig Gold –
Alter, dahin muß ich ziehn!

Dahin, wo bei Tropenhitze
Auch in der geringsten Pfütze
Noch ein echter Goldfisch irrt;
Wo die Quellen, die gefrieren,
Sich zu Gold statt Eis fixiren,
Wenn es jemals Winter wird –
Dahin, Alter, möcht ich ziehn.

Dort wo unter jeder Scholle
Von Dukaten eine Rolle
Schlummernd uns entgegen lacht;
Wo das Silber ist Lappaligen,
Wo der Mensch mit Viktualien
Glänzende Geschäfte macht –
Dahin, Alter, laß mich ziehn! –

Freitag, 11. Mai 2012 von Karin S. Wozonig
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Wissenskulturen

Ich freue mich darüber, dass in das aktuelle Jahrbuch des Forum Vormärz Forschung ein Beitrag von mir über den komplexen Text „Zur Diätetik der Seele“ von Ernst von Feuchtersleben aufgenommen wurde. Ich danke den Herausgebern Gustav Frank und Madleen Podewski für diese Möglichkeit, an einer multiperspektivischen Behandlung der „Wissenskulturen des Vormärz“ mitzuwirken.

Je eingehender ich mich mit dem Biedermeier beschäftige, desto deutlicher überträgt sich die zeitgenössische Erschütterung aller Sicherheiten und die Problematik der Formulierung und Verfestigung neuer sozialer und ästhetischer Normen auf meine Erkenntnis. Und das meine ich im positiven Sinn.

Den Begriff „Biedermeier“ lerne ich immer mehr zu schätzen, einerseits als passenden Hinweis darauf, dass in der Zeit zwischen 1815 und 1848 das (Klein)Bürgertum zu einem relevanten kulturellen und politischen Faktor wurde, und andererseits, weil die weite Verbreitung der Bezeichnung das Ergebnis einer Paraodie ist. Einer ihrer Urheber ist Ludwig Eichrodt, der unter dem Pseudonym Rudolf Rodt unter anderem Gedichte mit dem Titel  „Dachstubenpoesie der Lenautiker“ und „Das Frauenauge und der elektromagnetische Telegraf“ verfasst hat. Sein Wanderlied beginnt mit den schönen Zeilen

Nach Italien, nach Italien!
Möcht ich, Alter, jetzt einmaligen!
Wo die Pomeranze wohnt…

Und dieses zu seiner Zeit durchaus populäre Gedicht, erschienen 1849 in den Fliegenden Blättern, enthält auch ein paar Strophen zum Sehnsuchtsland Kalifornien. Die erste davon lautet:

Aber jetzt! nach Kalifornigen
Jagt es mir den Sinn den zornigen,
Der schon längst dahin geschwärmt:
Wo die goldnen Adern ziehen,
Durch die schweigenden Prairieen,
Und der Sakramenter lärmt –
Dahin, Alter, laß mich ziehn!

Die nächsten Strophen liefere ich in den kommenden Tagen hier in diesem Blog.