Donnerstag, 5. April 2012 von Karin S. Wozonig
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Veröffentlicht in 19. Jahrhundert, Literaturwissenschaft, Schreiben für das Internet, Welt | Keine Kommentare

An Besessenheit grenzende Freude im Blog

Gerade fällt mir ein Tagungsbericht in die Hände, der mir bestätigt, dass es Zeit ist, eine Zwischenbilanz über das Bloggen zu ziehen. Mein Blog ist seit 2008 online und ich habe im Großen und Ganzen das gemacht, was ich mir anlässlich seiner Einrichtung vorgenommen habe: Ich dokumentiere meine Arbeit und stelle Wissen zur Verfügung. Ich erzähle es in meinem Blog, wenn ich einen Vortrag vorbereite, oder dass ich einen Artikel veröffentlicht habe und berichte aus der Werkstatt des Lesens und Schreibens. Vor allem aber teile ich mit meinen Leserinnen und Lesern Fundstücke, Zitate, Gedichte, bits and pieces, auf die ich bei meiner Arbeit stoße.

Die meisten Einträge habe ich unter „Literaturwissenschaft“ und hier unter „19. Jahrhundert“ kategorisiert. In der Schlagwortwolke dominiert die österreichische Dichterin Betty Paoli; Marie von Ebner-Eschenbach und Franz Grillparzer sind mit großem Abstand auf Platz 2 und 3. Mein Blog ist zum Spiegel meiner Interessen geworden. Und zugleich ist er eine Materialsammlung zur österreichischen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts. Der persönliche Aspekt und der Aspekt des Sammelns und Bewahrens – beide sind für mich gleich wichtig.

Nach der Lektüre des oben erwähnten Berichts zur Tagung mit dem Titel „Weblogs in den Geisteswissenschaften oder: Vom Entstehen einer neuen Forschungskultur“ frage ich mich: Warum bloggen Historikerinnen und Historiker, während andere Geisteswissenschaftler(innen) in Bezug auf dieses Medium weiterhin Zurückhaltung üben? Lässt man die akademischen Fragen wie Prestige, Qualitätskontrolle und Zitierfähigkeit, über die in der Tagung ausführlich gesprochen wurde, einmal außer Acht, so kommt man zum Schluss: Wer historisch arbeitet, findet ständig irgendwelche Texte/Quellen/Belege/Gegenstände, die nicht unmittelbar für die eigene Forschung verwertet werden können, zumindest nicht sofort und nicht in einem ausführlichen Artikel, die aber so interessant sind, dass man sie herumzeigen möchte. Wo könnte man das besser als im WWW? Diese kindliche, an Besessenheit grenzende Freude am überraschenden Fund ist für mich eine der erfreulichsten Erscheinungen der Wissenschaft.

Intellektuelle und gigantische Bäume

Ich war in den Muir Woods, einem Naturschutzgebiet nördlich von San Francisco. Geschützt werden dort die Küstenmammutbäume (Sequoia sempervirens, auch California Redwoods genannt), die zu der höchsten Baumart der Erde zählen und dementsprechend beeindruckend sind. Lateinisch benannt wurden diese immergrünen Zypressengewächse von dem österreichischen Botaniker Stephan Ladislaus Endlicher (1804-1849), wahrscheinlich zu Ehren des Gelehrten Sequoyah, der die Cherokee-Schrift entwickelt hat.

Stephan Endlicher war einer jener Intellektuellen, die im Vormärz die Einrichtung einer kaiserlichen Akademie der Wissenschaften forderte. Die Idee dahinter war, durch freien Ideenaustausch in Vorträgen und Veröffentlichungen die strenge Zensur des Metternich-Regimes zu unterwandern. Die österreichische Regierung verhinderte den Plan lange Zeit und der Wien-Besucher William Wilde (Vater von Oscar Wilde) schreibt 1843:

I do firmly believe, that were the barrier that now dams up the stream of learning at its source but once removed, Vienna would pour forth a flood of light that would soon rival every capital in Europe. Surely, with such men as Hammer-Purgstall, the first of living orientalists, and who undoubtedly stands at the head of the Austrian literati; … novelists like Caroline Pichler; poets like Grillparzer, Sedlitz, Lenau (Nimpsch), and Castelli (note: The number of poets in Vienna is very remarkable: independent of those I have enumerated above, we find Count Auersperg, [the Anastasius Grün], Frankl, Feuchtersleben, and Betty Paoli, who have all written with much spirit and effect.); … naturalists, who count among their numbers John Natterer, Endlicher … – there is a sufficiency of talent to render the literary society of the capital both useful, brilliant, and agreeable.

1847 wurde die Akademie gegründet, ihr erster Präsident war Joseph von Hammer-Purgstall. Den Schriftstellern, die sich völlige Meinungsfreiheit gewünscht hatten und die davon ausgegangen waren, dass eine Akademie der Wissenschaften der bürgerlichen Emanzipation dienen würde, wurden aber enttäuscht. Die Statuten nahmen auf die Zensur Rücksicht und Adelige waren tonangebend in den Gremien. Hienoymus Lorm spottete:

Jeder neugeborne Prinz ist sogleich wissenschaftlicher Akademiker.