Montag, 21. August 2017 von Karin S. Wozonig
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Sommerfrischlers Nord-Süd-Gefälle

Wer z.B. unsere steierischen Dörfer seit dreißig Jahren heute das erstemal wiedersieht, der wird sie kaum mehr erkennen. Das allgemeine Aufstreben hat auch das Bauernthum ergriffen, und dort – insofern es die Leute nicht vom Bauernstand hinaus, sondern eigentlich erst in denselben emporgehoben hat – erfreuliche Umgestaltungen hervorgebracht. … Jeder kann nicht „Herr“ sein, aber man ist auch im Bauernstand ein freier Mann; Jeder kann nicht in einem Stadtpalast wohnen, aber man hebt auch in der Hütte an, menschenwürdig zu leben. Im Unterlande der Steiermark – besonders im fruchtbaren Lande der Slovenen – läßt diese „Menschenwürdigkeit“ freilich noch sehr viel zu wünschen übrig, und was die Zustände der Bauernhäuser und Dörfer anbelangt, erinnere ich mich an den Ausspruch jenes boshaften Fremden: die Grenze zwischen Europa und Asien gehe mitten durch die Steiermark. Das Unterland hat paradiesische Gegenden, wer weiß es nicht! und doch wird sich selten ein städtischer Sommerfrischler in eine jener Bauernschaften verirren, wenn er in derselben nicht etwa sein Winzerhaus oder sein Schloß hat; während die obersteierischen Dörfer, kaum minder als die salzburgischen, tirolischen und kärntnerischen, selbst die entlegenen, bescheidenen, sich von Jahr zu Jahr mehr mit Städtern füllen. … Zum Theile für solche Gäste ist es berechnet, wenn die Häuser und Dörfer von Jahr zu Jahr hübscher und einladender herausgeputzt werden. … Gewiß ist, daß der Bauer den materiellen Vortheil zu schätzen beginnt, und dass manche oberländische Ortschaft ein gutes Sommerfrischjahr einer guten Ernte vorzieht.

Peter Rosegger: „Von dem Verhältnisse unserer Bauern zu den Sommerfrischlern“. In: Bergpredigten. 1885

Montag, 7. August 2017 von Karin S. Wozonig
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Sommertheater mit Blick auf patriarchale Brutalität

Das hätte schief gehen können: Die Stimme aus dem Off in der grandiosen Erzählung „Die Totenwacht“ von Marie von Ebner-Eschenbach wird dramatisch in der toten Mutter personifiziert, und gemeinsam mit der nicht korrumpierbaren vergewaltigten Protagonistin Anna enthüllt sie die patriarchale Brutalität in der ärmlichen Behausung. Die befindet sich „Am Ende eines kleinen Dorfes“, so der Anfang der Erzählung, den die Regisseurin Anna Maria Krassnigg ihrer Produktion am Thalhof in Reichenau als Titel mitgibt.

Doina Weber spielt die tote Mutter. Zu Beginn des Stücks liegt sie aufgebahrt in einer Art Fensternische. Die Requisiten-Fenster (stammen die eigentlich von der Thalhof-Baustelle?) auf und die echten Fenster hinter der Bühne des Theaterraums sind, bis hin zum abschließenden cleveren Regieeinfall, ihre props. Durch diese Fenster wirft sie Blicke in die Vergangenheit mit dem saufenden, prügelnden Vater und auf das Geschehen der Gegenwart, in der Anna auf Georg trifft, den reichen Nachbarssohn, der sie vergewaltigt und mit dem dabei gezeugten Kind alleingelassen hat, seine Vaterschaft abstreitend.

Georg kommt, um Anna in der Nacht der Totenwacht zu sagen, dass ihre Mutter ihm verziehen habe – bis kurz vor ihrem Tod hat sie ihm noch gedroht, ihn beim Herrgott zu verklagen – und er jetzt bereit sei, Anna zu heiraten. Petra Gstrein gibt eine für meinen Geschmack etwas gefühlige, aber überzeugende Anna. Auch das hätte schief gehen können: eine Erzählung der immer an ihrem Deutsch feilenden Autorin Marie von Ebner-Eschenbach, deren Figuren, wenn sie am Ende eines kleinen Dorfes (in der Erzählung übrigens im Marchfeld) wohnen, einen literarisierten Dialekt sprechen, als Teil-Mundartstück zu inszenieren. Aber beide Ideen gehen beinahe restlos auf: die im Leben „übergute“ und in der wesentlichen Sache ahnungslose tote Mutter als Erzählerin und die emanzipierte, starke Anna als eigentlich weichherzige Tirolerin. Da steht quasi ein Aphorismus Ebner-Eschenbachs auf der Bühne: „Wir werden vom Schicksal hart oder weich geklopft, es kommt auf das Material an.“

Von der Erzählung fehlt übrigens in dieser Inszenierung praktisch kein Wort und das spricht für beide. Nicht ganz so gelungen ist die Darstellung der rhetorischen Kargheit von Georg, in der Erzählung das Ergebnis einer ambivalenten Mischung aus Arroganz, Verlegenheit und Unbeholfenheit. Während die popkulturelle Assoziation bei der mit Totenbinden umwickelten Mutter zum Film „Die Mumie“ gleich wieder verfliegt – übrig bleibt vielleicht die religiöse Anspielung auf den von den Toten erweckten Lazarus –, sind die Schnaufer und Grunzer von Georg, gespielt von Jens Ole Schmieder, die sehr an Arnold Schwarzenegger als „Conan der Barbar“ erinnern, nur schwer auszublenden oder als Zeichen mangelnder Eloquenz zu integrieren. Insgesamt ist das Stück aber erstklassiges, gewagtes Sommertheater.

Montag, 25. August 2014 von Karin S. Wozonig
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Interkulturalität 2

Im August hatte ich das Vergnügen, 41 wissbegierige junge Menschen aus vierzehn Ländern zu unterrichten. Der Unterricht neigt sich leider dem Ende zu (Sommerkurs), und ich ziehe Bilanz: Das interkulturelle Lernen funktioniert sehr gut und der Erwerb der Fremdsprache läuft ganz locker nebenbei. Was in diesen Kursen meiner Beobachtung nach vor allem vermittelt wird, ist eine Einsicht in andere Kulturen und Gesellschaftsformen. Es werden Freundschaften geknüpft, Klischees hinterfragt und Kochrezepte ausgetauscht. Manchmal wurden in meinem Unterricht auch ganz große Fässer aufgemacht; in Gesprächen über Demokratie und Kapitalismus zum Beispiel. Ich werde sie vermissen, „meine“ Studierenden. Und ich setze große Hoffnungen in sie. Menschen mit einem offenen Blick für die Vielfalt des Zusammenlebens sind die Zukunft.

Mein Kollege Dr. Michael Pleister hat auf seiner Website seine Erfahrungen im Sommerkurs und seine Reflexionen zum Thema Lehren, das über die Sprachvermittlung hinausgeht, in zwei Texten (verfügbar als PDFs) festgehalten:

Lernbericht/Oberstufenkurs und Lernbericht/Mittelstufenkurs

Samstag, 6. Juli 2013 von Karin S. Wozonig
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Fundstück zur Reisezeit

Die neue Auflage des Rechtschreib-Duden ist erschienen und die FAZ behauptet, der Reclam-Verlag folge neuerdings statt dem Duden den Empfehlungen der Schweizer Orthographischen Konferenz. Das würde bedeuten, es gibt kein „ß“ mehr im Reclam-Heft. Sollte es jemanden interessieren: Im „Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel“ kann man nachlesen, dass die Behauptung der FAZ nicht stimmt. Das „Hamburger Abendblatt“ hingegen geht in einem Bericht zur igs seinen eigenen Weg: