„Der über allen Parteien schwebende Geist der Poesie“

Was es mit diesem Geist auf sich hat? Es ist der Geist von Betty Paoli. Die Parteien sind Maria Anna Schwarzenberg, ihr Sohn Friedrich (der „Landsknecht“), Hieronymus Lorm, Adalbert Stifter und andere. Nachzulesen hier: Urte Stobbe und Claude D. Conter (Hg.). Adel im Vormärz. Eine heterogene Sozialformation im Wandel.

Mittwoch, 11. Januar 2023 von Karin S. Wozonig
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Wie man es lieber nicht machen sollte

Ich schreibe gern Rezensionen. Jetzt kann man in einer davon nachlesen, wie man es lieber nicht machen sollte: Besprechungen con amore. Der Briefwechsel von C. F. Meyer mit Hermann Lingg und Paul Heyse gibt einen Einblick in literarische Koterie

Sonntag, 18. Dezember 2022 von Karin S. Wozonig
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Zur Winterunterhaltung in den Süden

Ich habe mir von Halle zur Winterunterhaltung die Geschichte Roms im Mittelalter von Gregorovius, einem meiner Lieblingsschriftsteller, mitgebracht. Denn in Ihren Willkommensruf an den schönen, weißen Winter stimme ich nicht ein; so lange ich von meinem Leben weiß, ist er mein Todfeind gewesen, habe ich mich bei seinem Nahen leidenschaftlich unter einen milderen Himmel gesehnt und da mir niemals Flügel wachsen wollten, hätte ich mich gern unter die Erde gekrabbelt, um wie ein Murmeltier das unholde Walten zu verschlafen. Da bin ich denn schließlich auf das Hülfsmittel verfallen, mich durch die Phantasie – die schwächste Partie meines Ingeniums – in glücklichere Zeiten und Zonen zu versetzen. Vorig Jahr war Griechenland dran; heuer Rom. Die 8-10 dicken Bände füllen wohl – täglich ein paar Stündchen – die langen, kümmerlichen Monde aus.

Louise von François an C. F. Meyer, Oktober 1881

Mittwoch, 19. Oktober 2022 von Karin S. Wozonig
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Literarische Nachleucht-Farbe

Thomas Stangl hat einen Glow-in-the-dark-Roman geschrieben. Ja, das Cover leuchtet in der Dunkelheit – Matthes & Seitz macht’s möglich. Außerdem bleibt aber auch vieles des Inhalts dunkel und aus diesem Dunkel leuchten einzelne Erzählstränge hervor, die den Großmüttern des Autors, der Familie Brontë und dem Kaiser von China, dem sprichwörtlichen, folgen.

Keine Zeile lang vertraut Thomas Stangl dem „So tun als ob“, das die Grundvoraussetzung der Romanlektüre ist. Oder war. Seit einiger Zeit sickern und bröseln in die Literatur die Konzepte Identitätserschütterung und kulturelle Aneignung hinein, beides nur mit nichtfiktionaler Authentizität zu haben. Für manche gilt: Da kann man gleich Autofiktion schreiben. Thomas Stangl macht es anders und mischt sich als Autor mit Skrupeln ein: Der Kaiser von China kann ich sein, auch Branwell und Emily Brontë, bei meinen Großmüttern und einem 1938 in den Selbstmord getriebenen Juden muss ich passen, lässt er uns durch Zwischentöne (nicht -rufe) wissen.

Ich würde keine stringent erzählte Geschichte über den total durchgeknallten Kaiser von China lesen wollen. Aber bei den Brontës bedauere ich es doch ein bisschen, dass Thomas Stangl sich nicht mit einem historischen Roman zufriedengeben würde. Denn schon in den kurzen Erzählpassagen über den Trinker Branwell und die solipsistische (und dann auch wieder ganz nicht-solipsistische) Emily Brontë stecken Einsichten in Leben, die wirken wie die Irrlichter über dem Moor, oder Nachleucht-Farben auf Papier. Mehr davon würde mir gefallen (19. Jahrhundert auch nicht ganz unwichtig).

Stangls Großmütter reihen sich ein in die Riege der literarischen Großmütter, die an den Formwandler Odo aus Deep Space Nine gemahnen. Was dieser Autor anders macht als die anderen, ist der Versuch der Überwindung der Todesangst und des Todes durch das Erzählen, fast ohne zu erzählen. Wieder einmal keine leichte, aber eine lohnende Lektüre. Thomas Stangl: Quecksilberlicht. Roman. Matthes & Seitz 2022. 267 Seiten.

Dienstag, 18. Oktober 2022 von Karin S. Wozonig
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„Im Tempel hier hat auch die Frau ein Recht“

Selbst- und Fremdermächtigungsakte in der Literatur und im Literaturbetrieb feiern gerade ein Comeback. Falls Sie einen Blick auf die Anfänge werfen wollen, haben Sie heute dazu Gelegenheit: Veranstaltung in der Wienbibliothek („vor Ort“ und nachzuschauen im „Stream“).

Franz Grillparzer: „Im Tempel hier hat auch die Frau ein Recht“ – Frauen, Dramen, Liebe, Kunst.
Dienstag, 18. Oktober 2022, 18.30 Uhr Lesesaal der Wienbibliothek im Rathaus (Rathaus, Eingang Lichtenfelsgasse, Stiege 6 (Glaslift), 1. Stock, 1010 Wien)

Donnerstag, 8. September 2022 von Karin S. Wozonig
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War er’s? Oder war er’s nicht?

Ich hatte das große Vergnügen, bei der Summer School der „Kommission für Interdisziplinäre Schubert Forschung“, kurz Schubert Research Center, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mitzuwirken. Das Überthema war gut gewählt: „Sexuality and Gender in Schubert’s Time“. Da lässt sich allerhand darüber sagen. Anke Charton hat den Teilnehmenden „Historicizing Gender“ nähergebracht, Mark Seow „Performing Queerness“ und Waltraud Schütz „Gender Norms“.

Ich habe mich auf die Liebeslyrik verlegt und über die Hintergründe der Ambivalenz gesprochen, die in jedem guten Biedermeiergedicht zu finden ist, und über die Geschlechterrollen, die hier abgebildet, eingeübt oder unterlaufen werden. Sex kam auch vor.

Es ist ja nicht so, dass ich über die Liebeslyrik von, sagen wir, Betty Paoli nicht schon einiges wüsste – Eduard Mörike war auch Thema (das war der mit dem Sex), Heinrich Heine natürlich, und Wilhelm Müller, selbstverständlich auch die geniale Annette von Droste-Hülshoff und außerdem Gabriele Baumberg -, aber: Wenn man einer Gruppe von fünfzehn Menschen, die unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen betreiben, unterschiedlich viel Lebenserfahrung haben und aus unterschiedlichen Ländern kommen, ein Gedicht in die Hand gibt, tun sich ganz neue Bedeutungen auf, zumal bei einer Gruppe wie jener der Summer School, in der auf hohem Niveau über die sprachlichen Mittel für den Gefühlsausdruck diskutiert wurde.

Auch eine Summer School braucht ein Rahmenprogramm, und so kam ich in den Genuss einer kleinen, beeindruckenden Schubertiade mit Irma Niskanen und Joonas Ahonen – wie passend für diese wissenschaftlich-künstlerische Zusammenkunft im Herzen von Wien, angeregt und mit Hingabe organisiert von Andrea Lindmayr-Brandl.

Den ersten Input dieser Sommerakademie lieferte Hans-Joachim Hinrichsen mit seiner Session über „Schubert’s Sexuality“. Und wenn ich das richtig sehe, waren sich am Ende alle einig, dass es nicht wichtig ist, ob Schubert schwul war oder nicht, dass es aber sehr wichtig ist, ob wir diese Frage stellen und wie wir sie stellen. Der Ton macht die Musik.

Sonntag, 24. Juli 2022 von Karin S. Wozonig
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Die Hitze vor 155 Jahren

Der „Wiener Spaziergänger“ Daniel Spitzer verabsäumte es im Juli 1867, rechtzeitig in die Sommerfrische zu fahren, was zu folgendem, hier in Auszügen zitiertem Feuilleton führte:

Ich war müde, abgespannt und schlecht gelaunt, kurz alle Symptome kamen bei mir zum Vorscheine, welche den kosmischen Aufgang des Hundssternes Sirius begleiten; ich war das, was das neue Vereinsgesetz in den Paragraphen 1 und 6 „staatsgefährlich“ nennt; wenn ich mich jetzt mit einem gleichgesinnten Berufsgenossen versammelt hätte, wir würden vielleicht um Abschaffung des Feuilletons petitionirt haben.
Alle projektirten siebzig Honved-Bataillone! fluchte ich, wer kann diese tropische Hitze aushalten, die zum „Durchbrennen“ ist. …
Ich war der einzige Spaziergänger auf dem Graben, doch nein, da kam ein zweiter; es war einer meiner Bekannten, ein Arzt ohne Patienten, der offenbar nur Jemand suchte, den ein vom Himmel gesendeter Sonnenstich getroffen haben könnte.
„Was gibt es Neues,“ fragte er mich. – „Es kommen jetzt sehr häufig Schlagflüsse vor,“ antwortete ich, um ihm eine Freundlichkeit zu erweisen. – „Ich fürchte,“ bemerkte er, „die Cholera wird wieder unser Gast.“ Diese Heuchelei des Undankbaren verdroß mich, ich winkte ihm einen Abschiedsgruß. „Warten Sie doch noch einen Augenblick,“ rief er. – „Ich habe große Eile,“ erwiderte ich, und kroch weiter.
Ich ging auf den Stephansplatz, und erquickte mich mit der Erinnerung an einen Windstoß, der mir im Frühling einen Ziegel auf den Kopf geworfen hatte. …
Mißmuthig ging ich zum Mittagessen. Der Tisch, an dem ich sonst in heiterer Gesellschaft gespeist hatte, war verwaist, denn die ehemals um ihn herumsaßen, hatten Wien den Rücken gekehrt. Der Tisch war zwar noch, wie in seiner Glanzperiode, „besteckt“, aber die Gabeln und Messer in den Gläsern erinnerten mich fast an Grabsteine, die zu sagen schienen: „Wanderer, setze dich nur nieder, die früher hier ruhten, sind jetzt in ein besseres Salzkammergut hinüber.“ …

Mittwoch, 15. Juni 2022 von Karin S. Wozonig
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Mit Varnhagen in die Sommerfrische

Der Juni ist die Zeit, in der es in Wien heiß wird. Und deshalb begibt man sich aufs Land, in die Sommerfrische, zum Beispiel nach Baden bei Wien. Betty Paoli macht es jahrelang so, auch im Jahr 1858. Die Vorbereitungen dazu machen ihr offensichtlich keinen Spaß.

Ich ziehe morgen hinaus, bin heute mit Packen beschäftigt und deßhalb, wie unter solchen Umständen natürlich, in einer Menschenfresserlaune.

Natürlich werden für den Aufenthalt im Grünen auch Bücher eingepackt. Ida Fleischl zum Beispiel wünscht sich in diesem Jahr Karl August Varnhagens Denkwürdigkeiten, immerhin sieben Bände.

Jüngst hat Peter Sprengel ein detailreiches Buch über Varnhagens erotisch affizierten Briefwechsel mit der Engländerin Charlotte Williams Wynn geschrieben, und ich eine Rezension darüber.

Dienstag, 10. Mai 2022 von Karin S. Wozonig
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Lied an das Beerchen

Nun ist es Zeit

Nun ist es Zeit!
Die Schwalbe pickt ans Fensterglas,
Es sprießt empor das junge Gras,
Vom Eise ist der Fluß befreit,
Nun ist es Zeit, nun ist es Zeit!

Nun ist es Zeit!
Hervor ihr Blümlein roth und blau,
Hervor ihr Veilchen auf der Au,
Hervor in eurem schönsten Kleid,
Nun ist es Zeit, nun ist es Zeit.

Nun ist es Zeit!
Ihr Vöglein über’m blauen Meer,
Du Nachtigall, nur rasch hieher,
Schon schwillt das Beerchen auf der Haid,
Nun ist es Zeit, nun ist es Zeit.

Nun ist es Zeit!
Nun Frühling auf! mit aller Macht,
Mit Sang und Klang und Blüthenpracht,
Mit deiner höchsten Seligkeit,
Nun ist es Zeit, nun ist es Zeit.

Aus „Frühlingsblätter“. Liederkranz von Johann N. Vogl, erschienen in Vesta. Taschenbuch für das Jahr 1835, dem Almanach, in dem auch das vorstehende Frühlingsgedicht Grillparzers abgedruckt wurde.

Donnerstag, 28. April 2022 von Karin S. Wozonig
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Höchste Zeit für ein Frühlingsgedicht

Frühlings Kommen

Der Wächter auf den Zinnen
Treibt gar gewaltgen Spuk.
Sieht er wohl Gäste kommen?
Er schreit: »Guck, guck! Guckguck!«

Ein Diener auf sein Rufen
Herum im Hause geht,
Der nimmt die weißen Hüllen
Vom schimmernden Gerät.

Ein andrer breitet Teppich,
Milchfarb und rosenrot;
Baumwollen das Gewebe:
Der Baum die Wolle bot.

Drauf kommen Musikanten,
Sie stimmen, proben nie,
Und doch, kommts nun zum Spielen,
Wie herrlich stimmen sie.

Ein Vorhang, rot von Seide,
Fliegt weichend von der Tür,
Der Pförtner, golden schimmernd,
Kommt öffnend draus herfür.

Halb zieht er nur den Vorhang,
Daß Tag und Dunkel gleich,
Da tritt herein der Fremdling,
Ein König in sein Reich.

Was Augen hat, schließt auf sie,
Im Garten Haupt an Haupt,
Am Raine schiebt und drängt sichs,
Die Gänge stehn umlaubt.

Am Tor auch pochts des Herzens.
Willst hier auch freien Lauf?
Nun, bringst du schöne Lieder,
So mach ich dir wohl auf.

Franz Grillparzer