Dienstag, 8. Mai 2012 von Karin S. Wozonig
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Auf dem Weg zum Untergang

In Vorbereitung auf die hier bereits mehrfach erwähnte Konferenz in Long Beach, bei der die Rolle Österreichs im Gefüge der Regionen, Staaten, Nationen und Landschaften aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wurde, habe ich mich ausführlich mit nationaler Identität beschäftigt. Besonders fasziniert hat mich bei meiner Forschung, wie das Konzept der Nation aus prinzipiell vernünftigen, friedliebenden Menschen (z.B. Autoren) lauthals nach Krieg und Zerstörung schreiende Dummköpfe macht. Nun ist das keine neue Erkenntnis, vielmehr eine die sich z.B. auch durch die Lektüre von Karl Kraus‘ “Die letzten Tage der Menschheit” (auch sehr zu empfehlen: die gekürzte Fassung gelesen von Helmut Qualtinger) oder Bertha von Suttners “Die Waffen nieder” erlangen lässt. Und gerade habe ich Frederic Mortons Buch “Thunder at Twilight” gelesen, die ausführlich recherchierte und gut erzählte Darstellung der Zeit unmittelbar vor “Ausbruch” des Ersten Weltkriegs.

Grillparzer sagt es 1849 so:

Der Weg zur neuen Bildung geht
Von Humanität
Durch Nationalität
Zur Bestialität.

Mittwoch, 2. Mai 2012 von Karin S. Wozonig
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Kreative Pause

Nach einer kreativen Pause, die mich unter anderem nach Long Beach zu einer Konferenz mit dem Titel aeiou geführt hat, bin ich zurück in meinem Blog, ein virtuelles Comeback sozusagen.

Die Konferenz war ausnehmend anregend, der Universitätscampus der Cal State Long Beach ist sehr schön. Es gab interessante Vorträge und Diskussionen, und was mich besonders beeindruckt hat, war das Engagement der Studierenden.

Ich habe bei der Konferenz über Hieronymus Lorm gesprochen, der unter anderem das Lormen erfunden hat. Flankiert war ich bei meinem Vortrag von Forschung zum 18. und zum 20. Jahrhundert, genau gesagt von Matthias Mansky, der in seinem Vortrag “Wiener Komödie und Londoner Theater um 1800: Zur Skurrilität eines marginalen Kulturtransfers” unter anderem ein Beispiel für die Macht des Kanons geliefert hat – der “Postzug” von Lessing! Und von Bianca Zaininger, die mich mit ihrer Analyse des “Rennbahn-Expreß” in meine Jugend zurückgeführt hat.

Rund um die Konferenz habe ich eine kleine Reise durch Kalifornien gemacht und mich in Muster-Erkennung geübt. Ein Beispiel dafür folgt demnächst in diesem Blog.

Intellektuelle und gigantische Bäume

Ich war in den Muir Woods, einem Naturschutzgebiet nördlich von San Francisco. Geschützt werden dort die Küstenmammutbäume (Sequoia sempervirens, auch California Redwoods genannt), die zu der höchsten Baumart der Erde zählen und dementsprechend beeindruckend sind. Lateinisch benannt wurden diese immergrünen Zypressengewächse von dem österreichischen Botaniker Stephan Ladislaus Endlicher (1804-1849), wahrscheinlich zu Ehren des Gelehrten Sequoyah, der die Cherokee-Schrift entwickelt hat.

Stephan Endlicher war einer jener Intellektuellen, die im Vormärz die Einrichtung einer kaiserlichen Akademie der Wissenschaften forderte. Die Idee dahinter war, durch freien Ideenaustausch in Vorträgen und Veröffentlichungen die strenge Zensur des Metternich-Regimes zu unterwandern. Die österreichische Regierung verhinderte den Plan lange Zeit und der Wien-Besucher William Wilde (Vater von Oscar Wilde) schreibt 1843:

I do firmly believe, that were the barrier that now dams up the stream of learning at its source but once removed, Vienna would pour forth a flood of light that would soon rival every capital in Europe. Surely, with such men as Hammer-Purgstall, the first of living orientalists, and who undoubtedly stands at the head of the Austrian literati; … novelists like Caroline Pichler; poets like Grillparzer, Sedlitz, Lenau (Nimpsch), and Castelli (note: The number of poets in Vienna is very remarkable: independent of those I have enumerated above, we find Count Auersperg, [the Anastasius Grün], Frankl, Feuchtersleben, and Betty Paoli, who have all written with much spirit and effect.); … naturalists, who count among their numbers John Natterer, Endlicher … – there is a sufficiency of talent to render the literary society of the capital both useful, brilliant, and agreeable.

1847 wurde die Akademie gegründet, ihr erster Präsident war Joseph von Hammer-Purgstall. Den Schriftstellern, die sich völlige Meinungsfreiheit gewünscht hatten und die davon ausgegangen waren, dass eine Akademie der Wissenschaften der bürgerlichen Emanzipation dienen würde, wurden aber enttäuscht. Die Statuten nahmen auf die Zensur Rücksicht und Adelige waren tonangebend in den Gremien. Hienoymus Lorm spottete:

Jeder neugeborne Prinz ist sogleich wissenschaftlicher Akademiker.

Freitag, 2. März 2012 von Karin S. Wozonig
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Nationale Gedichte

Neben der Erkundung meines neuen Wohnorts beschäftige ich mich zur Zeit mit dem Thema Nationalismus. Ich habe im Alltag oft Gelegenheit, über die Bedeutung von Patriotismus und die Aktualität von nationalen Symbolen nachzudenken, interessiere mich aber – wie meistens – mehr für die Geschichte als für die Gegenwart.

Wie bei vielen anderen Dingen (z.B. Arbeitsteilung, Geschlechterrollen, Individualismus), die für uns heute eine Selbstverständlichkeit erreicht haben, die sie argumentativ an Natürlichkeit grenzen lassen, ist es auch beim Thema Nationalismus ratsam, ins neunzehnte Jahrhundert zurückzublicken, um die basalen Mechanismen zu verstehen.

Für die jährliche Konferenz der Austrian Studies Association (früher MALCA), die unter dem Motto AEIOU: GLOBAL AUSTRIA steht, bereite ich einen Vortrag über einen Text von Hieronymus Lorm vor. In „Wien’s poetische Schwingen und Federn“ (1847) wird das österreichische „Nationalgemüt“ auf sehr interessante Weise mit ästhetischen Kriterien verquickt und auf eine Art lebendig gemacht, die über die Frage hinausreicht, was ein deutsches Gedicht von einem Dichter mährischer, ungarischer oder ruthenischer Herkunft über die Begründung einer Kulturnation im Vorfeld der sogenannten bürgerlichen Revolution aussagt. Ich freue mich schon darauf, über diesen Text im Rahmen der Konferenz zu diskutieren.

Sonntag, 28. August 2011 von Karin S. Wozonig
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Moritz der Versebrüter

Moritz Hartmann ist in einem armen böhmischen Dorfe geboren, dessen Häuser zum Theil auf einem ehemaligen Kirchhofgrund erbaut wurden. … Eine Reise mit seinem Vater nach Teplitz brachte ihn an das Grab Seume’s, wo er deutsche Dichterlose bedenken lernte und als er einst über das Feld wandernd, junge, schüchterne Verse brütete, legte ihm der Wind ein zerrissenes Notenblatt vor die Füße, Composition eines Gedichtes „die Wolke“.

Hieronymus Lorm: Wien’s Poetische Schwingen und Federn.

Montag, 23. Mai 2011 von Karin S. Wozonig
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Der Geist der Poesie

Notizen von „Asmodeus“: Von literarischen Erscheinungen sind zu nennen: Otto Prechtler’s Gedichte, Betty Paoli’s und Stifter’s Novellen. … Betty Paoli mit ihren Novellen würde uns leicht Karoline Pichler vergessen machen, wenn wir je an dieses Ideal eines Blaustrumpfs als an eine Dichterin gedacht hätten. Ja, Betty Paoli ist uns mehr als Gräfin Ida, der sie an Geist ebenbürtig, an poetischem Gemüthe überlegen ist. Die Dichterin ist Gesellschaftsdame der Fürstin Schwarzenberg. Wahrhaftig, ein interessantes Haus! Die geistreiche, vielerfahrne Frau, der chevalereske Lanzenknecht, die Dichterin der „Briefe an einen Verstorbenen“, das liberale, das aristokratische Princip und der über allen Parteien schwebende Geist der Poesie.

Zeitung für die elegante Welt. 15. Mai 1844

Dienstag, 24. März 2009 von Karin S. Wozonig
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Zum 198. Geburtstag von Fanny Lewald

Fanny Lewald wurde am 24.3.1811 in Königsberg geboren, sie starb am 5.8.1889 in Dresden. Zum Geburtstag dieser bedeutenden Schriftstellerin möchte ich heute einige Lektüre-Empfehlungen aussprechen.

Wer Lewalds Haltung zur Emanzipation und ihren Stil kennenlernen will, sollte den Roman “Jenny” lesen. Äußerst amüsant ist Lewalds Satire “Diogena”, in der sie sich über die sentimentalen Frauenromane Ida Hahn-Hahns (die von Lorm als „verrückte Romanstrickerin“ bezeichnet wurde) lustig macht. Und interessant sind auch Lewalds italienischen Reisebeschreibungen, die Christina Ujma in einen größeren historischen Kontext gestellt hat.

Selbstverständlich könnte man – wie das oft mit sogenannter Frauenliteratur des 19. Jahrhunderts passiert – die Werke Lewalds auf Belege für eine Frauenbiographie (die der Autorin) oder für die Geschichte “der Frau” reduzieren. Sollte man aber nicht. Lesen Sie Lewald, die ist wirklich gut.

Dienstag, 2. Dezember 2008 von Karin S. Wozonig
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Literaturkritik im 19. Jahrhundert

“In den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts kann der kluge Beobachter Hieronymus Lorm die schöne Literatur als mickriges Kraut auf humusreichem, sicherem Felde betrachten, denn:

Der Schriftsteller ist demnach in Oestreich nur eine Ausnahme und kann den Prinzipien des Staates gegenüber nicht zur Anerkennung seiner unhemmbaren Nothwendigkeit gelangen, gleich dem Bürger, Handwerker oder Beamten; er ist ein exotisches Gewächs, das unter den nützlichen Kohlrüben als eine zwecklose und höchstens nicht unschöne Zierde des Staatsfeldes dasteht und kümmerlich und verkrüppelt fortvegetiert.

Randständig, aber das auf halbwegs festem Grunde ist sie zu diesem Zeitpunkt, die Literatur. Doch das währt nicht lange, denn die Flut bricht ein und statt des einförmigen Strangs würdiger Werke, an den man sich seit der Goethezeit gewöhnt hat, kommt: Massenware. Sogar Frauen beginnen zu publizieren!” (aus: Karin S. Wozonig: Über die Drainagekritik. In: sinn-haft (12/2002) S. 38). Weiterlesen.