Sonntag, 22. September 2019 von Karin S. Wozonig
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Literarischer Quicktipp

Über das neunzehnte Jahrhundert gibt es ja so viel zu sagen. Lang war es und turbulent und so gut wie alles, was uns heute eine Selbstverständlichkeit ist, ist damals wenn nicht erfunden, so doch perfektioniert worden, das Lottospiel zum Beispiel. Die eine oder andere Sache hat sich, das muss man zugeben, nicht gehalten, zum Beispiel wird die Brieftaube nicht mehr so häufig eingesetzt. Aus der Kombination von beidem, Lotto und Brieftaube, hat sich Johann Carl (Freiherr von) Sothen (1823-1881), ganz nach dem liberalen Jeder-ist-seines-Glückes-Schmied-Prinzip, ein Vermögen, tja, man kann es nicht anders sagen: erschwindelt – so sagte man, so kann man auf jeden Fall sagen, wenn man es in einem Roman sagt. Sothens Leben verlangt förmlich nach einer literarischen Bearbeitung und die ist jetzt zum zweiten Mal (nach Anna-Elisabeth Mayers Buch „Am Himmel“) erfolgt: Bettina Balàka: Die Tauben von Brünn. Kurzweilig, sprachlich interessant, Lokal- und Zeitkolorit in feinen Strichen und Schattierungen, historische Details ohne dick aufgetragene Belehrung, gelungener Epilog, eine Empfehlung.

Donnerstag, 19. September 2019 von Karin S. Wozonig
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Upcycling im Vormärz

Alles redet von Umweltschutz. Weniger Sachen produzieren wäre ein guter Anfang, Mehrfachverwendung schont die Ressourcen. Aber das geht ja nicht, die Qualität stimmt einfach nicht mehr, heutzutage, alles ist nur mehr für den schnellen Konsum gemacht.

Ja, daß ich Ihnen sag‘, das war’n noch Zeiten, vor denen man ein‘ Respekt hat hab’n können! Billig und doch gut und solid, das war die Maxim‘ von die damaligen G’schäftsleut! Hat sich einer ein Tuch beim „Primas“ g’kauft, das war gar nicht zum umbringen. Aus ein‘ Mantel ist nach zwanzig Jahr ein nagelneuer Kaput word’n; aus’n Kaput, wann’s ‘n ein 10  Jahr trag’n haben, hat der Scheider den schönsten Gehrock g’macht. Aus’n Gehrock ist mit der Zeit ein sehr honetter Frack, aus’n Frack einmal ein Leibl, aus’n Leibl ein‘ Weste und zu guter Letzt aus der Weste ein saubers Paar Winterschuh‘ für d‘ Frau außerg’schnitt’n word’n und das Restl war noch wie ein Brett. Schau’ns den Povel von heut an. Kaufen’s Ihnen so ein Jaquettl oder so ein Paletoterl, oder wie das moderne Gfraßt heißt, so müssen’s Ihnen schön tummeln, daß’s es ganzer z’Haus bringen, wann der Wind nicht doch vielleicht am Weg d’Woll‘ wegblast….

So spricht der „Original-Wiener“ in Friedrich Schlögls „Wiener Luft!“ von 1875.

Glossar:
„Primas“ = Tuchhandlung „Zum Primas von Ungarn“
Kaput = kurzer Mantel, Soldatenmantel
Povel = schlechte Ware, Ausschuss (verwandt mit dem Wort „Pöbel“)
Jaquettl  = Verkleinerungsform von Jaquette/Jackett, eine kurze Jacke
Paletoterl = Verkleinerungsform von Paletot, Überrock
Gfraßt = hier: schlechtes Zeug, Rest

 

Dienstag, 10. September 2019 von Karin S. Wozonig
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Denkwürdigkeiten, abgestaubt

Karl Glossy, 1902: Was die einst vielgenannte Karoline Pichler als Schriftstellerin geschaffen, ist in Fleisch und Blut späterer Generationen nicht gedrungen. Als Denkmäler der Großvaterzeit stehen ihre Werke in den Bücherregalen der Bibliotheken, und nur selten wandelt einen die Lust an, einen Augenblick in den verstaubten Bänden zu blättern, die einst zum literarischen Hausschatz von jung und alt gezählt wurden. Einzig und allein die „Denkwürdigkeiten“, Aufzeichnungen über ihr an romantischen Ereignissen keineswegs reiches Leben sowie über die gesellschaftlichen Verhältnisse Wien, sind als kulturgeschichtliche Quelle noch heute geschätzt, trotz der Naivetät und der mitunter geschwätzigen Breite, in der die gute und edle Frau auch minder belangreiche Familienangelegenheiten der Nachwelt überliefert.
Wenn auch die Werke der Pichler nicht mehr gelesen werden, …

Doch, doch, werden sie. Und darüber geredet wird auch, am Donnerstag, 12. September 2019, ab 15:30 Uhr in der Musiksammlung der Wienbibliothek, Loos-Räume, und um 19:00 Uhr im Stadtsenatssitzungssaal im Wiener Rathaus.

 

Mittwoch, 21. August 2019 von Karin S. Wozonig
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Deutscher Buchpreis 2019: Longlist

Die 20 Kandidatinnen und Kandidaten für den Deutschen Buchpreis 2019 stehen fest.

Es ist eine anerkannte Thatsache, gegen welche sich freilich die Eitelkeit der norddeutschen Poeten noch sträubt, daß der Süden Deutschlands, was poetische Productionen betrifft, den Norden bereits längst überflügelt hat. Oesterreich und das gesegnete Schwaben, das sind die beiden Länder, aus welchen in neuester Zeit die bedeutendsten und tiefsten Poeten hervorgegangen sind.

Quelle: „W. M.“: Rezension zu Hermann Rollett: Frühlingsboten aus Oesterreich. Gedichte. In: Der Komet, Dezember 1845

Samstag, 17. August 2019 von Karin S. Wozonig
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Gendergerecht dichten 1834

Denn was verweigerst du mit strengem Worte,
Du Lieblingin der Dichter und der Musen,
Das Lied, das ich aus deinem zarten Busen
Gebannt den Perlen gleich, gleich einem Horte?

Aus: L. A. Frankl, „Schatzgräberei“

Mittwoch, 24. Juli 2019 von Karin S. Wozonig
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Betty Paoli in Literatur und Kritik

Die aktuelle Juli-Ausgabe ist erhältlich, mit Kulturbriefen von Karl Wimmler, Regina Hilber, Franz Reitinger, Carlo Ginzburg und Klemens Renoldner, Rezensionen von Neuerscheinungen österreichischer AutorInnen und Karin S. Wozonig porträtiert die Autorin Betty Paoli (1814-1894).

Literatur und Kritik 535/536

Montag, 20. Mai 2019 von Karin S. Wozonig
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Auch ich in Galizien

Mit sechzehn Jahren musste Betty Glück, später bekannt unter dem Namen Betty Paoli, mit ihrer Mutter von Wien nach Russland übersiedeln, um dort als Gouvernante Geld zu verdienen. Aber die beiden waren nicht glücklich im fremden Land, und so zogen sie nach Österreich zurück (bei Nacht und Nebel weil illegal, so erzählte es Marie von Ebner-Eschenbach) und zwar nach Galizien, konkret in den Teil, der heute zu Polen gehört. Dort lernte Betty Glück einen interessanten Herren namens Carl Lewinski kennen, der später Karriere bei der österreichischen Polizei machen sollte, zu der Zeit aber noch k.k. Landrechtsauscultant in Lemberg war. Dass Lewinski nicht nur ein besonderer Freund sondern auch ein kritischer Heine- und Lenauleser und als solcher eine wichtige literarische Auskunftsperson für Paoli war, habe ich beim wissenschaftlichen Kolloquium der 6. Österreich-Tage in Drohobytsch, der Stadt von Bruno Schulz, erzählt.

Von drei Tagen Konferenz kann ich berichten, aber wie immer, wenn es in meinem Blog um Zusammenkünfte wissenschaftlicher Art geht: Ich widme mich dem Rahmenprogramm. Das hat es wirklich in sich gehabt. Drohobytsch hat nicht nur eine Uni mit einem großen Festsaal, sondern auch ein imposantes Kulturhaus, eine Stadtbibliothek, ein Kunstpalais und eine sehr hübsche Österreich-Bibliothek, deren Leiter Jaroslaw Lopuschanskyj für die Organisation der Österreich-Tage zuständig ist. Und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, er ist ein großer Organisator.

Fotoausstellungen, Lesungen, eine literarisch kommentierte Ausstellung zu Georg Trakl, Konzerte, Buchpräsentationen… kaum zu glauben, was man an drei Konferenztagen neben den Vorträgen noch alles unterbringen kann. Und dabei habe ich die Besichtigung der St. Georgskirche, einer Holzkirche aus dem späten 15. Jahrhundert, noch gar nicht erwähnt, und den Spaziergang über das Gelände der stillgelegten Saline.

Salz war wirtschaftlich und ist in der Küche wichtig, Essen und Trinken ist völkerverbindend, daher noch etwas zum kulinarischen Rahmenprogramm, zu dem auch ein besonderes salzburgisches Abendessen von Roland Essl und großzügig gespendeter Wodka gehört hat. In der Ukraine gibt es guten Kaffee (Kolschitzky, der nach einer Legende, die vielleicht nicht wahr ist, das erste Wiener Kaffeehaus gegründet hat, wurde in der Nähe von Lemberg geboren) und: Das Land ist reich an Pilzen.

Sonntag, 7. April 2019 von Karin S. Wozonig
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Hamerlings Poesie als Taub‘ im Schnabel

In der neuen Folge der Serie „Zu Recht vergessen“ der Zeitschrift VOLLTEXT widmet sich Karl Wagner dem äußerst erfolgreichen Dichter Robert Hamerling (1830-1889) (den Betty Paoli natürlich auch  gekannt hat) und erklärt, wie dieser trotz seiner dick übermalten Orientierungslosigkeit von den Zeitgenossen zu – im Extremfall homerischen – Denkmalwürden hochgelobt wurde.

Zwar hat sich der Dichter zu Lebzeiten gegen Avancen von dieser Seite verwahrt, postum errichtete ihm aber der Deutschnationale Georg von Schönerer eine „Kult- und Weihestätte“ – Hamerlings Germanenschwulst schreit förmlich danach.

Ein reisig Volk steht harrend an der Schwelle
Des Occidents und pocht an seine Thore,
Ein Volk mit blauen Augen, blonden Haaren.

Wer sind die Reisigen? wie tönt ihr Name?
Was will der Adlerschwarm im stolzen Fluge?
Germanen sind’s auf ihrem Wanderzuge.

So dichtet Hamerling im „Germanenzug“ (1864) – und nennt das Gedicht eine „Canzone“, immerhin hat er auch aus dem Italienischen übersetzt.

Wenngleich sich der Reiz der Dichtkunst Hamerlings heute nicht mehr erschließt, der Dichter selbst hat der Poesie als solcher, wenn auch verstechnisch nicht ganz glücklich, einiges zugetraut:

An die Nationen

Vernehmt mich, groß‘ und kleine Nationen,
Die Ihr geharnischt tretet auf den Plan!
Ihr ringt umsonst nach Eigenruhmes Kronen;
Der Einzelvölker Arbeit ist gethan!
Die an der Seine, am Belt, am Ister wohnen,
Begegnen fortan sich in einer Bahn.
Was ihr getrennt erstrebt und still begründet,
Vollendet ihr vereint nur und verbündet.

In dieser Zeit, wo Draht und Schiene spotten
Der Alpen, und ein Kabel-Telegramm
Den Morgengruß des Yankee bringt dem Schotten,
Wo zieh’n von Land zu Land, von Stamm zu Stamm
Die Zeitungsblätter als Erob’rerflotten –
In dieser Zeit baut Zwietracht Wahn und Damm?
Wenn Völkergeister ineinanderzittern,
Da soll das Herz der Völker sich zersplittern?

So lange tausendfältig Kain den Abel
Unblutig oder blutig noch erschlägt,
Und nicht der Streit, der einst erregt zu Babel,
Des Sprachenkampfs Erinnys beigelegt –
So lang‘ nicht Poesie als Taub‘ im Schnabel
Des ew’gen Völkerfriedens Oelzweig trägt –
So lange, sag‘ ich Euch, trotz der Fanfaren
Des Fortschrittsjubels, sind wir noch Barbaren.

Donnerstag, 14. März 2019 von Karin S. Wozonig
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Freitag, 8. März 2019 von Karin S. Wozonig
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O Reiz der Frauendichtung!

Den Frau’n die Zukunft! Also geht der Ruf
Durch uns’re tiefbewegte Gegenwart,
Die mächt’ge Wellen schlägt und unter ihnen
Begräbt, was auf Vergangenheiten pocht…

Den Frau’n die Zukunft! Und schon rütteln sie
An ihren Pforten mit erwachter Kraft.
In heißem Wissensdurst, im Thatendrang
Ausstrecken sie nach oben weiße Arme
Und greifen mit den feingeformten Händen
Nach Bürgerkronen und nach Lorbeerkränzen.

Nach Lorbeerkränzen … Einzig hohe Zier,
Ach, so begehrt – und selten nur erreicht,
Nicht jetzt erst schwebst du voll Verheißungen
Weiblicher Sehnsucht vor! Nein, seit die Dichtkunst
Den Reigen führt, der sich in heil’ger Nennzahl
Auf strahlend lichten Geisteshöhen schwingt,
Hast schöne Frauenstirnen du umflochten,
Wardst du errungen von Begnadeten,
Die sich erhoben über ihr Geschlecht
Und ihrer Namen ew’gen Dauerglanz
Dem Schriftthum aller Völker eingezeichnet.

O Reiz der Frauendichtung! Ob sie sapphisch
Der Liebe Schmerz, der Liebe Wonnen singt –
Ob sie, ergriffen von dem Drang der Zeit,
Der Menschheit großen Fragen zugewendet,
Gestalten schafft und, sinnreich sie verknüpfend,
Deutsame Lebensbilder weit entrollt:
Sie war und ist ein heller Spiegel stets
Der innersten Persönlichkeit. […]

aus: Prolog zur Feier des siebzigsten Geburtstages unseres Ehrenmitgliedes Marie von Ebner-Eschenbach. Gesprochen im k. k. Hofburgtheater am 13. September 1900. Von Ferdinand von Saar