Montag, 7. Januar 2019 von Karin S. Wozonig
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Literatur und fake news

„Th. H.“ in einem Almanach 1836

Samstag, 29. Dezember 2018 von Karin S. Wozonig
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Ökonomische Fangorgane

Und da habe ich mir gedacht, daß der Mensch zweimal bedürfnislos ist, einmal im Naturzustande, das andere Mal auf dem höchsten Grade der Bildung. Was dazwischen liegt – daß Gott erbarm! (…) Wer künstlich Bedürfnisse schafft, wie es ein großer Teil unserer Industrie, unseres Handels tut, der schafft Unzufriedenheit. Wer sich von einem ursprünglich harmlosen Lebensgenießen ablenken läßt und in eine Überfülle moderner Werte gerät, der ist bald ein Übersättigter und Ungesättigter zugleich. Warum dem armen Menschen tausend Fangorgane und tausend Genußherzen anzüchten wollen, wenn zwei Arme zur Arbeit und ein Herz zum Genießen bisher ausgereicht haben!

aus Peter Rosegger: Erdsegen. Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes. Ein Kulturroman. (Erstdruck 1897/98)

Im guten Buchhandel wohlfeil zu erwerben: Peter Rosegger. Ausgewählte Werke. Gesamtschuber mit 4 Bänden. Mit Vorwort, Materialien und Kommentar, herausgegeben von Daniela Strigl und Karl Wagner. Styria Verlag 2018

Freitag, 30. November 2018 von Karin S. Wozonig
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Betty Paoli in Prag

Betty Paoli kommt wieder einmal nach Prag. Das wird sie aber vielleicht gar nicht freuen.

Ich schreibe Ihnen heute als am letzten Tag vor meiner Abreise nach Prag. Morgen um 9 Uhr sollen wir aufbrechen. Wahrscheinlich werden wir bis 8. k. M. in Prag bleiben und dann wieder nach Worlik zurückkehren, wo am 10. Dez. die eigentlichen großen Jagden beginnen und wohl bis gegen 20. dauern werden, so daß ich keine Hoffnung habe früher als bis Weihnachten in Wien zu sein. Wie unangenehm mir diß Hin- und Herfahren und als Intermezzo das wochenlange Gasthofleben in Prag ist, kann ich Ihnen nicht sagen; es stört mich und verhindert mich an jeder Arbeit, während es mir auf der andern Seite in keiner Weise Genuß oder auch nur Unterhaltung als Ersatz biethet.

Betty Paoli an Moritz Hartmann, 27. November 1844

Samstag, 17. November 2018 von Karin S. Wozonig
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Weltschmerrrz

Betty Paoli hat es in die Schweiz geschafft, in die Sendung „Weltschmerz Österreich“ des SRF.

Montag, 12. November 2018 von Karin S. Wozonig
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Russische Bekanntschaft

Hier und da wird der 200. Geburtstag von Iwan Turgenjew begangen. Das soll auch in diesem Blog nicht unbedacht bleiben. Erstens empfehle ich die neue Übersetzung der Novelle „Erste Liebe“ aus der Reihe textura, ein Buch im Blumenkleide. Und zweitens weise ich darauf hin, dass die russophile Betty Paoli, die nicht nur in Russland gelebt, sondern auch aus dem Russischen übersetzt hat, den Dichter dereinst kennenlernte und mit ihm, wenn auch nur kurz und oberflächlich, korrespondierte. Seine Novellen schätzte sie sehr.

Samstag, 20. Oktober 2018 von Karin S. Wozonig
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Begegnungen auf dem deutsch-slawischen Feld

Marie von Ebner-Eschenbach war mit feinem Humor und Sprachwitz gesegnet, was man zum Beispiel in ihrer Erzählung „Bertram Vogelweid“ (1896) nachlesen kann. Über den Bertram wird allerdings auch im engeren Ebner-Eschenbach-Kreis wenig geredet, er wird unterschätzt. Als „Literaturbetriebs- und Dilettantensatire“ (Daniela Strigl) mit einem Erfolgsautor am Rande des Nervenzusammenbruchs als Helden ist die Geschichte hochkomisch, und sollte sich die Thalhof-Prinzipalin einmal für die leichte Kost entscheiden (bisher wurden von ihr drei tiefgründige Erzählungen Ebner-Eschenbachs auf die Bühne gebracht), dann böte sich „Bertram Vogelweid“ an. Allein schon die Eingangsszene, in der der Protagonist einen Kampf gegen seine Schreibtischschublade führt, würde sich auf der Bühne gut machen.

Diese Erzählung hat aber auch Tiefgang, denn der zerrüttete Bertram Vogel trifft bei der Suche nach dem mährischen Landidyll auf den hetzenden Jungtschechen und Antisemiten Meisenmann und die Abgründe des Nationalitätenkonflikts, an dem letztlich die Habsburgermonarchie untergehen wird, tun sich auf. Über diesen, in ihrer Entstehungszeit höchst aktuellen Aspekt der Erzählung habe ich in Kraków/Krakau, Polen, gesprochen. Die interdisziplinäre Konferenz fand unter dem Titel „slawisch-deutsche Begegnungen“ statt, war die dritte ihrer Art und hat gezeigt, dass es sich bei dem Thema um ein weites Feld handelt.

Wie immer, wenn ich hier in diesem Blog über eine Konferenz schreibe, spare ich die wissenschaftlichen Details aus und richte mein Augenmerk auf das Rahmenprogramm: Polnisches Essen mit Livemusik – man gab unter anderem den Radetzky-Marsch, sozusagen die musikalische Umkehrung des Ringens der Völker um Unabhängigkeit von der österreichischen Krone –, und eine Lesung von Juliana Kálnay. Und wer hätte gedacht, dass man in Kraków/Krakau usbekische Manti bekommt?

Nächstes Jahr findet die Konferenz der Reihe wohl in Osijek statt. Ich bin überzeugt, zum Thema slawisch-deutsche Beziehungen gibt es noch sehr viel zu sagen.

Samstag, 6. Oktober 2018 von Karin S. Wozonig
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Erzähler von Schloss Paddern bei Hasenpoth

Hundertste Todestage bringen Neuauflagen, so auch beim kurländischen Autor Eduard von Keyserling. Eine untergegangene, eine untergehende und eine neu entstehende Welt beschreibt, nein: ziseliert Keyserling in seinen Erzählungen. Wir können seine Figuren dabei beobachten, wie sie lebensverdrossen, aber stilsicher auf den Abgrund zu schlendern. Hin und wieder stellt sich dann heraus, dass das nur hysterisches Getue oder hohles Ritual war, manchmal wird es richtig komisch oder auch sarkastisch, aber nie langweilig – eine Empfehlung.

Montag, 10. September 2018 von Karin S. Wozonig
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Begründer der Romantik

Es gilt, den 250. Geburtstag des „Vaters der französischen Romantik“, François-René Vicomte de Chateaubriand (geboren am 4. September 1768 in Saint-Malo; gestorben am 4. Juli 1848 in Paris) nachzufeiern. Sein „René“, erschienen 1802, ist der Inbegriff des Weltschmerzes und als solcher natürlich auch Betty Paoli bekannt.

Den Stoff zu Paolis Novelle „Auf- und Untergang“, die 1844 im Taschenbuch „Iris“ erschien, liefert das Leben der Élisa Mercœur, einer von Chateaubriand geförderten, jung verstorbenen Autorin. In Paolis „Lebensbild“, so der Untertitel, stirbt Mercœur an literarischer Überarbeitung, ein Opfer ihres frühen Erfolges und der Notwendigkeit, vom Schreiben zu leben.

Man forderte Bände von mir, nicht Meisterwerke. Das Geschäft rentirte sich, es mußte folglich fortbetrieben werden; ich betrieb es fort, bis die Feder meiner Hand entsank und die Krankheit mir zuherrschte: Es ist genug!

erzählt Elisa bei Paoli ihrer Freundin aus Kindheitstagen. Mercœurs Mutter berichtet in ihren Memoiren (Mercœurs Werken in drei Bänden, erschienen 1843, vorangestellt) vom letzten Gespräch am Totenbett ihrer Tochter. An der Weigerung des Baron Taylor, Leiter der Comédie-Française, ihr Drama „Boabdil“ aufzuführen (in dem Stück verarbeitet Mercœur eine Episode aus dem Leben von Muhammad XII., Emir von Granada), sei sie gestorben, möge die Mutter der Nachwelt berichten. So oder so: Tod durch Literatur. Da wird es ernst mit dem Weltschmerz.

Sonntag, 5. August 2018 von Karin S. Wozonig
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Thalhof-Sommertheater und Ebner-Eschenbachs zielbewusstes Wollen

Marie von Ebner-Eschenbachs Werk wieder bekannt zu machen, ist ein Verdienst und dafür ist fast jedes Mittel recht, und sei es, dass man die Erzählung „Mašlans Frau“ (1897) dramatisiert auf die Bühne bringt und praktisch im selben Atemzug mit einem neuen Stück von Anna Poloni spielt („Tiefer als der Tag“– ähnliche Figurenkonstellation, ähnliche Konflikte, aber halt doch ganz, ganz anders). So geschehen am Thalhof und noch bis zum 1. September.

Intendantin und Autorin Anna Maria Krassnigg traut sich was und was dabei herauskommt, ist sehenswert. Voriges Jahr hat sie mit der Dramatisierung von Ebner-Eschenbachs „Die Totenwacht“ (1892) unter dem Titel „Am Ende eines kleinen Dorfes“ ein dickes Brett gebohrt, dieses Jahr macht sie damit weiter. Wenn Krassnigg mit ihrer Ebner-Eschenbach-Trilogie durch sein wird (ab 9. 8. ist „Das tägliche Leben“ zu sehen), wird sie drei der beeindruckendsten Texte aus dem Prosawerk Ebner-Eschenbachs unters Sommertheatervolk gebracht haben.

Die Schauspieler bzw. die Schauspielerin der Thalhofer Wortwiege leisten bei „Mašlans Frau“ ganze Arbeit und dass das am Sterbebett Mašlans aufgerollte Beziehungsdrama nicht langweilig wird, ist dem demonstrativ abgeklärten Arzt mit weichem Kern (gespielt von Martin Schwanda) und dem idealistischen Pfarrer mit böhmischer (?) Sprachfärbung (Daniel F. Kamen) zu verdanken. Mir war die Gstrein in der titelgebenden Rolle wieder zu g‘fühlig, aber dass sie spielen kann, das steht fest. Jens Ole Schmieder als Mašlan hingegen hat seinen schauspielerischen Glanzpunkt erst als aus dem Bauernschrank kippende Leiche. Höchst gelungen sind die Kostüme von Antoaneta Stereva und auch das Bühnenbild von Lydia Hofmann ist stimmig.

Dass jetzt ausgerechnet ihre Erzählungen auf die Bühne gebracht werden, ist ein bisschen seltsam, bei der durch Überambition und Kritik verhinderten Bühnenautorin Ebner-Eschenbach, über deren Werden, Leben und Denken Krassnigg und Daniela Strigl geistvoll und kurzweilig gesprochen haben.

Krassnigg hat für ihr anspruchsvolles Sommertheater drei Texte gewählt, die bei Ebner-Eschenbachs erster und wichtigster Kritikerin Betty Paoli wahrscheinlich unter den (mit sittlichen Vorbehalten) zu lobenden wären und die Paolis Urteil, gefällt anlässlich des Erscheinens der „Neuen Erzählungen“, bestätigen:

Marie v. Ebner ist mehr als eine talentvolle Schriftstellerin, sie ist durch und durch eine echte Künstlerin, die nicht mit der Hoffnung auf zufälliges Gelingen, sondern mit zielbewußtem Wollen an die Arbeit geht. Wohl wissend, daß nur mittels der Form das Schöne uns bewußt werden kann, pflegt sie dieselbe mit einer bis ins Kleinste gehenden, sich aber nie ins Kleinliche verlierenden Sorgfalt. Ihr Stil ist von seltener Reinheit, Frische und Natürlichkeit, die Führung des Dialogs so lebendig, daß sich in kurzen, abgerissenen Sätzen oft ein ganzer Charakter ausspricht. Hier hat sich einmal ein großes Talent mit einem seiner würdigen Gemüt zusammengefunden.
Betty Paoli, „Presse“, 24. Juni 1881

Am Donnerstag folgt die Premiere von „Das tägliche Leben“, gekoppelt mit Theodora Bauers Stück „Am Vorabend“.

Mittwoch, 18. Juli 2018 von Karin S. Wozonig
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Salon-Sohn

Im Jüdischen Museum in Wien gibt es gerade eine Ausstellung zum Thema Salon, die sehr interessant ist, aber ein Manko hat: Sie beschäftigt sich mit diesen in der Zeit von 1780 bis 1938 „meist von ihren jüdischen Gastgeberinnen geprägten Kommunikationsräumen“, die „in zweifacher Hinsicht Orte der Emanzipation und der Ermächtigung“ waren und ausgerechnet Ida Fleischl-Marxow (Lebensfreundin von Betty Paoli) wird nicht erwähnt. Zitat aus einen Nachruf auf Ida Fleischl-Marxow:

Eine Erscheinung von so reicher Eigenart mußte ungesucht zu einem Krystallisations-Punkte schöner Geselligkeit werden, und das Haus Fleischl hat eine markante Rolle im geistigen Gesellschaftsleben Wiens gespielt. Kein literarischer Salon – denn nichts lag Frau von Fleischl ferner als Coteriewesen – war es der Sammelpunkt eines weiten, eigenthümlich mannigfaltigen Kreises, in welchem sich Vertreter der Litteratur, Wissenschaft und Kunst mit denen der verschiedensten Stände zu jenem behaglich ungezwungenen Verkehr zusammenfanden, wie ihn nur das gleichstellende Wohlwollen der Hausfrau hervorzurufen vermag.

Was kann man Besseres über einen Salon sagen? Und es gibt etwas ganz Besonderes an Ida Fleischl-Marxows Salon: Er brachte einen Salon-Sohn hervor. Zitat aus den „Römischen Memoiren“ von Ludwig Pollak:

Was die Ärzte der deutschen Colonie betrifft, so war gegen Ende des 19. Jhdts. […] der an Römerjahren älteste der Wiener Dr. Otto von Fleischl Marxow (1849-1935). Aus einer hochstehenden jüdischen Wiener Familie stammend – die Mutter geb. Marx war Münchnerin u. intime Freundin der Dichterin Marie Ebner Eschenbach – und die besten Geister des damaligen Wien, so Grillparzer, Laube, Billroth, Exner, verkehrten im väterlichen Hause. […] Fleischl kam schon 1873 nach Rom, wo er bis zum Weltkriege blieb. Er wurde der meistgesuchte Arzt der Colonie u. oesterr. ung. Botschaftsarzt. Mit der Zeit wurde sein Haus – er selbst war ein trefflicher Pianist – das Rendezvous besonders von Musikern wie Liszt, Wagner, Brahms, Sgambati u. Joachim; Nietzsche, die Maler Böcklin, Lenbach, Pidoll u. Stauffer Bern waren oft Gäste bei Fleischls. Er war im wahrsten Sinne des Wortes ein vornehmer Mann, uneigennützig, hilfreich u. edel, behandelte Unbemittelte umsonst, ihnen noch die Medizinen zahlend, vielleicht zu weich für seinen schweren Beruf.