Dienstag, 22. Oktober 2013 von Karin S. Wozonig
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Politisches=privat. Thomas Stangls neuer Roman

Sollten Sie im Jahr 2000 in Österreich gewesen sein, gar an den Donnerstagsdemos teilgenommen haben, und sollten Sie das Bedürfnis haben, sich durch ein literarisches Werk in die überaus beklemmende Atmosphäre zurückversetzen zu lassen, dann lesen Sie Thomas Stangls neuen Roman, er ist politisch. Er ist aber auch außerordentlich privat. Die persönlichen Entscheidungen der drei Hauptfiguren sind mit psychologischer Überzeugungskraft begründet und geschickt mit dem politischen Rahmen verknüpft. Keine leichte Lektüre, aber eine lohnende.

Eine enthusiasmierte Kritik von Christopher Heil (ich stimme nicht in allen Punkten mit ihm überein, aber der Rezensent gibt einen guten Eindruck von der hohen literarischen Qualität des Buchs) können Sie hier lesen.

Donnerstag, 14. März 2013 von Karin S. Wozonig
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Privilegierte Orte der Selbsterschaffung

Und wieder kann ich von einem Artikel aus meiner Feder berichten: „Nichtlineares Erzählen. Die chaostheoretische Literaturwissenschaft und ihre Möglichkeiten“ habe ich für das Buch Kultur – Wissen – Narration. Perspektiven transdisziplinärer Erzählforschung für die Kulturwissenschaften verfasst. Der Band wurde von der Grazer Kulturwissenschaftlerin Alexandra Strohmaier herausgegeben, die darin Beiträge einer Tagung und weitere Texte zusammengestellt hat. Die einzelnen Bereiche des Buchs beschäftigen sich mit „Narration und Narratologie(n)“, „Wissen und Narration“ und „Narration (und ihre Grenzen) in Literatur, Kunst und Alltagskultur“.

Wie im vorigen Blogbeitrag ausführlich erklärt, interessiert mich die Frage, wie Leben erzählt werden – von denen die sie leben und von den anderen, z.B. von Biographinnen. In mehreren Beiträgen in Kultur – Wissen – Narration finden sich dazu anregende Thesen. So mündet der Text von Bettina Rabelhofer zum „Erzählen in der Psychoanalyse“ (343-358) in die bedenkenswerte Beobachtung:

Die Couch und die Literatur sind jene privilegierten Orte, an denen symbolische Selbsterschaffung stattfindet.

Mittwoch, 13. Februar 2013 von Karin S. Wozonig
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Salongespräche gehen weiter

Nächste Woche werde ich wieder ein Kaffeehausgespräch leiten, oder eigentlich: Ich initiiere es nur und gebe eine kurze Einleitung in das Thema des Tages. Das Gespräch selbst folgt dann seiner eigenen Dynamik.

Die Idee zu diesem Salon stammt ursprünglich von Erika Werner. Sie hat mit den Lesungen mit Musik, die sie für ihren Verein S.T.I.L. e.V. gestaltet hat, kleine und größere Veranstaltungsorte in Hamburg “bespielt”. Darunter war ein Lokal mit dem Namen Heile Welt, etwas versteckt in einem Hinterhof auf der Weidenallee. Erika mochte den Ort und überlegte sich, wie man ihn bekannter machen und für stärkeren Zulauf sorgen könnte. Eine regelmäßige Veranstaltung wäre eine gute Idee, meinte sie. Also erfanden wir die Kaffeehausgespräche. Die Heile Welt ist trotzdem untergegangen. Aber im Chavis haben wir einen passenden Ort für die angeregten Unterhaltungen über Literatur, Bücher, das Wetter und das Leben gefunden. Und derzeit ist es die Konditorei in Davis, die den Rahmen und den Marmorkuchen zum Salon bietet.

Professionell Literatur zu lesen verstellt manchmal den Blick auf den schieren Unterhaltungswert, den sie haben kann. Im Salon über Bücher zu sprechen, ohne den Anspruch, die “angemessene” Interpretation zu liefern oder alle Feinheiten der Sprache zu ergründen, und das Reden über Literatur ganz ohne Vermittlungsabsicht haben mir viele Einsichten in mein Feld beschert. Und ich habe nicht nur Bücher, sondern auch interessante Menschen kennen gelernt, im Salon. Deshalb: Er geht weiter, am 22. Februar.

Sonntag, 19. Februar 2012 von Karin S. Wozonig
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Neues aus dem Salon

Gestern hat das erste Kaffeehausgespräch in Davis stattgefunden und ich freue mich, dass es regen Zuspruch gefunden hat. Ich wollte ein “Format” (wie man so sagt), das eine starke kulturelle Verankerung und Tradition hat, an neuem Ort testen. Ein Salon bietet nach meinem Verständnis im Idealfall die Gelegenheit für geselligen Austausch, getragen von Offenheit und gegenseitigem Respekt. Das erste Treffen “meines” Salons war für mich ein voller Erfolg und die kalifornischen Kaffeehausgespräche werden fortgesetzt.

Freitag, 17. Februar 2012 von Karin S. Wozonig
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Ein kalifornisches Kaffeehausgespräch

Ich versuche die Tradition des literarischen Salons, den ich 2008 auf Anregung der “Grande Dame der Hamburger Literaturszene” – (c) Welt am Sonntag – gegründet habe, in meinem derzeitigen Wohnort weiterzuführen. Die “Kaffeehausgespräche” finden heute mit dem Thema “Lesen Sie Deutsch? Von Originalen und Übersetzungen” in der “Konditorei” statt.

Donnerstag, 7. Juli 2011 von Karin S. Wozonig
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Eine Geschichte schreiben

oder die Geschichte schreiben… In Vorbereitung auf einen Kurs über deutschsprachige Gegenwartsliteratur beschäftigt mich zur Zeit das Buch “Sunset” von Klaus Modick. Der Autor erzählt die Geschichte Lion Feuchtwangers (geboren am 7. Juli 1884, gest. 21. Dezember 1958), und er verankert dabei die Biographie in einem Tag im erzählten Leben. Um diesen Tag herum baut Modick Episoden, die ein durchaus plastisches Bild eines ganzen Lebens ergeben. Das liest sich gut und ist meines Erachtens eine kluge Art damit umzugehen, dass jede biographische Erzählung eine Erfindung ist.

Donnerstag, 16. Juni 2011 von Karin S. Wozonig
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Gegenwartsliteratur

Vorige Woche hatte ich das Vergnügen, in der Buchhandlung Schopf vor einem äußerst liebenswürdigen Publikum über Buch-Neuerscheinungen zu sprechen, die ich in meinen Urlaubskoffer packen würde. Herzlichen Dank an Silke und Dietrich für die Einladung!

Ganz oben auf meiner Bücherliste standen an diesem Abend Homer&Langeley von E. L. Doctorow und das sehr schöne Buch  Das Herz auf der Haut (mare-Verlag), eine Sammlung von Texten über das Tattoo. Das zweite wird wohl auch auf meiner Liste für eine sommerliche Veranstaltung zum Thema Neuerscheinungen deutscher Gegenwartsliteratur stehen, nicht nur wegen der vielen lesenswerten Texte, sondern auch weil das Buch aufgrund seiner liebevollen Gestaltung eine gewisse Almanach-Anmutung hat.

Dienstag, 15. März 2011 von Karin S. Wozonig
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Knigge über Klatsch und Tratsch

Bei den Überlegungen zum richtigen Umgang mit Menschen dürfen natürlich auch Ausführungen zum Thema Klatsch und Tratsch nicht fehlen. So rät der Freiherr von Kigge sehr weise:

Erzähle nicht leicht Anekdoten, besonders nie solche, die irgend jemand in ein nachteiliges Licht setzen, auf bloßes Hörensagen nach! Sehr oft sind sie gar nicht auf Wahrheit gegründet oder schon durch so viele Hände gegangen, daß sie wenigstens vergrößert, verstümmelt worden, und dadurch eine wesentlich andre Gestalt bekommen haben. Vielfältig kann man dadurch unschuldigen guten Leuten ernstlich schaden und noch öfter sich selber großen Verdruß zuziehn.

Und überhaupt – was geht es uns an, was andere tun?

Bekümmere Dich nicht um die Handlungen Deiner Nebenmenschen, insofern sie nicht Bezug auf Dich oder so sehr auf die Moralität im ganzen haben, daß es Verbrechen sein würde, darüber zu schweigen. Ob aber jemand langsam oder schnell geht, viel oder wenig schläft, oft oder selten zu Hause, prächtig oder lumpig gekleidet ist, Wein oder Bier trinkt, Schulden oder Kapitalien macht, eine Geliebte hat oder nicht – was geht das Dich an, wenn Du nicht sein Vormund bist?

Freitag, 11. März 2011 von Karin S. Wozonig
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Radiotipp

Am Sonntag den 13. März, 8.15, liest Nicole Heesters in der Sendung “Du holde Kunst” auf Ö1 unter anderem ein Gedicht von Betty Paoli. Die Sendung steht unter dem Titel “Ich weiß, was ich will”, einem Zitat aus dem Gedicht “Ich” von Paoli, über dessen Verbreitung in den Medien ich bereits berichtet habe.

Mittwoch, 9. März 2011 von Karin S. Wozonig
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Knigges Publikum

Heute stelle ich in meiner kleinen Knigge-Serie die Frage: Für wen verfasste der Freiherr seine Anweisungen für den richtigen Umgang mit Menschen eigentlich? Er beobachtet,

daß die gelehrtesten Männer, wenn nicht zuweilen die untüchtigsten zu allen Weltgeschäften, doch wenigstens unglücklich genug sind, durch den Mangel einer gewissen Gewandtheit zurückgesetzt zu bleiben, und daß die Geistreichsten, von der Natur mit allen innern und äußern Vorzügen beschenkt, oft am wenigsten zu gefallen, zu glänzen verstehen.

Und daher schreibe er für

Personen, die wahrlich allen guten Willen und treue Rechtschaffenheit mit mannigfaltigen, recht vorzüglichen Eigenschaften und dem eifrigen Bestreben, in der Welt fortzukommen, eigenes und fremdes Glück zu bauen, verbinden, und die dennoch mit diesem allen verkannt, übersehn werden, zu gar nichts gelangen.

Und Knigge fragt:

Woher kommt das? Was ist es, das diesen fehlt und andre haben, die, bei dem Mangel wahrer Vorzüge, alle Stufen menschlicher, irdischer Glückseligkeit ersteigen? – Was die Franzosen den esprit de conduite nennen, das fehlt jenen: die Kunst des Umgangs mit Menschen – eine Kunst, die oft der schwache Kopf, ohne darauf zu studieren, viel besser erlauert als der verständige, weise, witzreiche;

Um von Knigges Ausführungen profitieren zu können, muss der verständige aber tolpatschige Mensch ein paar Grundbedingungen mitbringen. Knigge kümmert sich nicht um Fälle, in denen mangelndes Bemühen vorliegt, wenn z. B.

ein Stubengelehrter, der ganz fremd in der Welt, ohne Erziehung und ohne Menschenkenntnis ist, sich einmal aus dem Haufen seiner Bücher hervorarbeitet, und er dann äußerst verlegen mit seiner Figur, buntscheckig und altväterisch gekleidet, in seinem vor dreißig Jahren nach der neuesten Mode verfertigten Bräutigamsrocke dasitzt und an nichts von allem, was gesprochen wird, Anteil nehmen, keinen Faden finden kann, um mit anzuknüpfen, so gehört das alles nicht hierher.