Sonntag, 22. September 2019 von Karin S. Wozonig
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Literarischer Quicktipp

Über das neunzehnte Jahrhundert gibt es ja so viel zu sagen. Lang war es und turbulent und so gut wie alles, was uns heute eine Selbstverständlichkeit ist, ist damals wenn nicht erfunden, so doch perfektioniert worden, das Lottospiel zum Beispiel. Die eine oder andere Sache hat sich, das muss man zugeben, nicht gehalten, zum Beispiel wird die Brieftaube nicht mehr so häufig eingesetzt. Aus der Kombination von beidem, Lotto und Brieftaube, hat sich Johann Carl (Freiherr von) Sothen (1823-1881), ganz nach dem liberalen Jeder-ist-seines-Glückes-Schmied-Prinzip, ein Vermögen, tja, man kann es nicht anders sagen: erschwindelt – so sagte man, so kann man auf jeden Fall sagen, wenn man es in einem Roman sagt. Sothens Leben verlangt förmlich nach einer literarischen Bearbeitung und die ist jetzt zum zweiten Mal (nach Anna-Elisabeth Mayers Buch „Am Himmel“) erfolgt: Bettina Balàka: Die Tauben von Brünn. Kurzweilig, sprachlich interessant, Lokal- und Zeitkolorit in feinen Strichen und Schattierungen, historische Details ohne dick aufgetragene Belehrung, gelungener Epilog, eine Empfehlung.

Dienstag, 10. September 2019 von Karin S. Wozonig
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Denkwürdigkeiten, abgestaubt

Karl Glossy, 1902: Was die einst vielgenannte Karoline Pichler als Schriftstellerin geschaffen, ist in Fleisch und Blut späterer Generationen nicht gedrungen. Als Denkmäler der Großvaterzeit stehen ihre Werke in den Bücherregalen der Bibliotheken, und nur selten wandelt einen die Lust an, einen Augenblick in den verstaubten Bänden zu blättern, die einst zum literarischen Hausschatz von jung und alt gezählt wurden. Einzig und allein die „Denkwürdigkeiten“, Aufzeichnungen über ihr an romantischen Ereignissen keineswegs reiches Leben sowie über die gesellschaftlichen Verhältnisse Wien, sind als kulturgeschichtliche Quelle noch heute geschätzt, trotz der Naivetät und der mitunter geschwätzigen Breite, in der die gute und edle Frau auch minder belangreiche Familienangelegenheiten der Nachwelt überliefert.
Wenn auch die Werke der Pichler nicht mehr gelesen werden, …

Doch, doch, werden sie. Und darüber geredet wird auch, am Donnerstag, 12. September 2019, ab 15:30 Uhr in der Musiksammlung der Wienbibliothek, Loos-Räume, und um 19:00 Uhr im Stadtsenatssitzungssaal im Wiener Rathaus.

 

Mittwoch, 21. August 2019 von Karin S. Wozonig
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Deutscher Buchpreis 2019: Longlist

Die 20 Kandidatinnen und Kandidaten für den Deutschen Buchpreis 2019 stehen fest.

Es ist eine anerkannte Thatsache, gegen welche sich freilich die Eitelkeit der norddeutschen Poeten noch sträubt, daß der Süden Deutschlands, was poetische Productionen betrifft, den Norden bereits längst überflügelt hat. Oesterreich und das gesegnete Schwaben, das sind die beiden Länder, aus welchen in neuester Zeit die bedeutendsten und tiefsten Poeten hervorgegangen sind.

Quelle: „W. M.“: Rezension zu Hermann Rollett: Frühlingsboten aus Oesterreich. Gedichte. In: Der Komet, Dezember 1845

Samstag, 17. August 2019 von Karin S. Wozonig
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Gendergerecht dichten 1834

Denn was verweigerst du mit strengem Worte,
Du Lieblingin der Dichter und der Musen,
Das Lied, das ich aus deinem zarten Busen
Gebannt den Perlen gleich, gleich einem Horte?

Aus: L. A. Frankl, „Schatzgräberei“

Mittwoch, 24. Juli 2019 von Karin S. Wozonig
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Betty Paoli in Literatur und Kritik

Die aktuelle Juli-Ausgabe ist erhältlich, mit Kulturbriefen von Karl Wimmler, Regina Hilber, Franz Reitinger, Carlo Ginzburg und Klemens Renoldner, Rezensionen von Neuerscheinungen österreichischer AutorInnen und Karin S. Wozonig porträtiert die Autorin Betty Paoli (1814-1894).

Literatur und Kritik 535/536

Montag, 10. Juni 2019 von Karin S. Wozonig
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30 Stücke Prosa

Es gibt ein neues Buch von Thomas Stangl und darüber eine Rezension von Paul Jandl, die die Besonderheit dieses Erzählungsbandes würdigt:

Figuren werden über die Geschichten hinweg fortgeschrieben. Und sogar der Autor selbst kommt vor: als stets sich wandelndes Gebilde. Ein amorphes und von den Furien des Verschwindens erfasstes Wesen, das sich aus Respekt vor den Gegenständen seines Tuns vor allem eines abringen möchte: Genauigkeit.

Im Buch findet sich auch der Text „Die Toten von Zimmer 105“, ausgezeichnet mit dem WORTMELDUNGEN-Literaturpreis. Ich wiederhole: Lesen Sie Thomas Stangl.

Sonntag, 7. April 2019 von Karin S. Wozonig
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Hamerlings Poesie als Taub‘ im Schnabel

In der neuen Folge der Serie „Zu Recht vergessen“ der Zeitschrift VOLLTEXT widmet sich Karl Wagner dem äußerst erfolgreichen Dichter Robert Hamerling (1830-1889) (den Betty Paoli natürlich auch  gekannt hat) und erklärt, wie dieser trotz seiner dick übermalten Orientierungslosigkeit von den Zeitgenossen zu – im Extremfall homerischen – Denkmalwürden hochgelobt wurde.

Zwar hat sich der Dichter zu Lebzeiten gegen Avancen von dieser Seite verwahrt, postum errichtete ihm aber der Deutschnationale Georg von Schönerer eine „Kult- und Weihestätte“ – Hamerlings Germanenschwulst schreit förmlich danach.

Ein reisig Volk steht harrend an der Schwelle
Des Occidents und pocht an seine Thore,
Ein Volk mit blauen Augen, blonden Haaren.

Wer sind die Reisigen? wie tönt ihr Name?
Was will der Adlerschwarm im stolzen Fluge?
Germanen sind’s auf ihrem Wanderzuge.

So dichtet Hamerling im „Germanenzug“ (1864) – und nennt das Gedicht eine „Canzone“, immerhin hat er auch aus dem Italienischen übersetzt.

Wenngleich sich der Reiz der Dichtkunst Hamerlings heute nicht mehr erschließt, der Dichter selbst hat der Poesie als solcher, wenn auch verstechnisch nicht ganz glücklich, einiges zugetraut:

An die Nationen

Vernehmt mich, groß‘ und kleine Nationen,
Die Ihr geharnischt tretet auf den Plan!
Ihr ringt umsonst nach Eigenruhmes Kronen;
Der Einzelvölker Arbeit ist gethan!
Die an der Seine, am Belt, am Ister wohnen,
Begegnen fortan sich in einer Bahn.
Was ihr getrennt erstrebt und still begründet,
Vollendet ihr vereint nur und verbündet.

In dieser Zeit, wo Draht und Schiene spotten
Der Alpen, und ein Kabel-Telegramm
Den Morgengruß des Yankee bringt dem Schotten,
Wo zieh’n von Land zu Land, von Stamm zu Stamm
Die Zeitungsblätter als Erob’rerflotten –
In dieser Zeit baut Zwietracht Wahn und Damm?
Wenn Völkergeister ineinanderzittern,
Da soll das Herz der Völker sich zersplittern?

So lange tausendfältig Kain den Abel
Unblutig oder blutig noch erschlägt,
Und nicht der Streit, der einst erregt zu Babel,
Des Sprachenkampfs Erinnys beigelegt –
So lang‘ nicht Poesie als Taub‘ im Schnabel
Des ew’gen Völkerfriedens Oelzweig trägt –
So lange, sag‘ ich Euch, trotz der Fanfaren
Des Fortschrittsjubels, sind wir noch Barbaren.

Donnerstag, 14. März 2019 von Karin S. Wozonig
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Freitag, 8. März 2019 von Karin S. Wozonig
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O Reiz der Frauendichtung!

Den Frau’n die Zukunft! Also geht der Ruf
Durch uns’re tiefbewegte Gegenwart,
Die mächt’ge Wellen schlägt und unter ihnen
Begräbt, was auf Vergangenheiten pocht…

Den Frau’n die Zukunft! Und schon rütteln sie
An ihren Pforten mit erwachter Kraft.
In heißem Wissensdurst, im Thatendrang
Ausstrecken sie nach oben weiße Arme
Und greifen mit den feingeformten Händen
Nach Bürgerkronen und nach Lorbeerkränzen.

Nach Lorbeerkränzen … Einzig hohe Zier,
Ach, so begehrt – und selten nur erreicht,
Nicht jetzt erst schwebst du voll Verheißungen
Weiblicher Sehnsucht vor! Nein, seit die Dichtkunst
Den Reigen führt, der sich in heil’ger Nennzahl
Auf strahlend lichten Geisteshöhen schwingt,
Hast schöne Frauenstirnen du umflochten,
Wardst du errungen von Begnadeten,
Die sich erhoben über ihr Geschlecht
Und ihrer Namen ew’gen Dauerglanz
Dem Schriftthum aller Völker eingezeichnet.

O Reiz der Frauendichtung! Ob sie sapphisch
Der Liebe Schmerz, der Liebe Wonnen singt –
Ob sie, ergriffen von dem Drang der Zeit,
Der Menschheit großen Fragen zugewendet,
Gestalten schafft und, sinnreich sie verknüpfend,
Deutsame Lebensbilder weit entrollt:
Sie war und ist ein heller Spiegel stets
Der innersten Persönlichkeit. […]

aus: Prolog zur Feier des siebzigsten Geburtstages unseres Ehrenmitgliedes Marie von Ebner-Eschenbach. Gesprochen im k. k. Hofburgtheater am 13. September 1900. Von Ferdinand von Saar

Dienstag, 26. Februar 2019 von Karin S. Wozonig
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Droste-Hülshoff ist auch nicht schlecht

In diesem Blog wird ja ziemlich oft über die größte österreichische Dichterin des neunzehnten Jahrhunderts geschrieben. Da sollte man gelegentlich erwähnen, dass Annette von Droste-Hülshoff auch echt gut war, was Betty Paoli neidlos und in einem langen Gedicht anerkannt hat. Neuerdings gibt es ein umfangreiches Droste-Hülshoff-Handbuch, eine Rezension darüber können Sie hier lesen.