Samstag, 29. September 2018 von Karin S. Wozonig
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Nomineller Süden

Der Name Betty Paoli ist ein Pseudonym. Warum die Dichterin, die ihre ersten Gedichte noch mit Betty Glück zeichnet, dieses gewählt hat, lässt sich nicht mehr feststellen. Vielleicht ist es bei ihr wie bei Aline Aliberti (1885-1959), steirische Dichterin mit dem bürgerlichen Namen Maria Leitner, verheiratete Knittelfelder. Es ist der Hang zu südlichen Gefilden, der sie den italienisch klingenden Nom de Plume wählen lässt. Das sagt Christian Teissl, Herausgeber eines Aline-Aliberti-Lesebuchs, das gestern vorgestellt wurde.

Aline Aliberti
Am Meer

Morgen
In offne Fenster bricht das Morgenlicht. –
Das Meer in blendend blauem Glänzen,
der bunten Segel helles Festgedicht
zu Ruderrhythmen, Wellentänzen,
der Oleanderbüsche Rosenschein
auf seltsam weißen Gartenwegen
und lorbeergrüner Hänge Trunkenheit
stürzt flügelrauschend mir entgegen.

Das ist kein typisches Aliberti-Gedicht, denn noch etwas anderes teilen sich Paoli und Aliberti: Schwermut, Schmerz und Traurigkeit als häufige Schreibanlässe.

Aline Aliberti
Linden im Spätherbst

Vor eures Goldes müdem Scheinen
weiß ich erst ganz, was mit dem Sommer starb.
Mir selbst und euch. Horcht, wie ein Weinen
geht leiser Wind, der sommers euch umwarb.

Nun hebt ihr die zerstörten Zweige
gleich Menschenarmen, die vor Sehnsucht weit,
daß sich die graue Stille neige
ganz tief herab zu eurer Einsamkeit

Und aus der herbstlich bangen Weite
ein gottgeschenkter Traum von Kraft und Licht
in euer Warten niedergleite. –
Ich aber stehe stumm und bitte nicht.

Die Zusammenstellung von Teissl zeigt aber auch noch eine andere Seite Alibertis, denn nachzulesen gibt es auch Kritiken und Kurzprosa, gesammelt aus Zeitungserstdrucken und aus dem Nachlass. Auch Fotos und Faksimiles hat der Herausgeber aufgenommen, ein schönes Buch zu Ehren einer fast ganz Vergessenen.

Dienstag, 18. September 2018 von Karin S. Wozonig
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Veröffentlicht in Chaostheorie | Keine Kommentare

Hype

Die Romantiker, besonders Novalis, waren an Unordnung interessiert, das Chaos war für sie verlockend und erschreckend zugleich. Dass etwas Neues, Unvorhersagbares entsteht (zum Beispiel ein Romanesco), wenn es auf das Chaotische zugeht, übt einen Reiz auf uns aus, aber so ganz geheuer ist es uns meistens nicht. Und weil diese Ambivalenz zum Denken anregt, kann man ruhig wieder einmal über die Chaostheorie reden, finde ich: Kaffeehausgespräch zum Thema.

 

Romanesco (c) Wikipedia

Romanesco (c) Wikipedia

Montag, 10. September 2018 von Karin S. Wozonig
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Veröffentlicht in 19. Jahrhundert,Literatur | Keine Kommentare

Begründer der Romantik

Es gilt, den 250. Geburtstag des „Vaters der französischen Romantik“, François-René Vicomte de Chateaubriand (geboren am 4. September 1768 in Saint-Malo; gestorben am 4. Juli 1848 in Paris) nachzufeiern. Sein „René“, erschienen 1802, ist der Inbegriff des Weltschmerzes und als solcher natürlich auch Betty Paoli bekannt.

Den Stoff zu Paolis Novelle „Auf- und Untergang“, die 1844 im Taschenbuch „Iris“ erschien, liefert das Leben der Élisa Mercœur, einer von Chateaubriand geförderten, jung verstorbenen Autorin. In Paolis „Lebensbild“, so der Untertitel, stirbt Mercœur an literarischer Überarbeitung, ein Opfer ihres frühen Erfolges und der Notwendigkeit, vom Schreiben zu leben.

Man forderte Bände von mir, nicht Meisterwerke. Das Geschäft rentirte sich, es mußte folglich fortbetrieben werden; ich betrieb es fort, bis die Feder meiner Hand entsank und die Krankheit mir zuherrschte: Es ist genug!

erzählt Elisa bei Paoli ihrer Freundin aus Kindheitstagen. Mercœurs Mutter berichtet in ihren Memoiren (Mercœurs Werken in drei Bänden, erschienen 1843, vorangestellt) vom letzten Gespräch am Totenbett ihrer Tochter. An der Weigerung des Baron Taylor, Leiter der Comédie-Française, ihr Drama „Boabdil“ aufzuführen (in dem Stück verarbeitet Mercœur eine Episode aus dem Leben von Muhammad XII., Emir von Granada), sei sie gestorben, möge die Mutter der Nachwelt berichten. So oder so: Tod durch Literatur. Da wird es ernst mit dem Weltschmerz.