Freitag, 30. September 2011 von Karin S. Wozonig
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Interessante Bekanntschaft

Hochverehrter!

Judith hat gestern einen glorreichen Triumph bei der Fürstin Schwarzenberg gefeiert und wiederholt auch, in einer neuen Art, bei dem Vorleser, mir selbst. […] Nun eine Bitte. Ich möchte, daß Sie, Verehrtester, mir etwas zu danken hätten. Erlauben Sie mir zu dem Ende, daß Sie durch niemand Andern – (Dr Schmidl hat dieselbe Absicht) – als durch mich die interessante Bekanntschaft von Betty Paoli machen. Ich will Sie Dienstag um 11 Uhr Morgens dazu in Ihrer Wohnung abholen. […]

Brief von Franz Xaver Fritsch an Friedrich Hebbel (undatiert)

Freitag, 23. September 2011 von Karin S. Wozonig
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Viele Germanisten, viele Dichter

Gestern und heute hatte ich das Vergnügen, an einer Tagung teilzunehmen, die vom Verein Neugermanistik, Institut für Germanistik der Universität Wien, veranstaltet wurde und die sich dem Thema „Der Dichter und sein Germanist“ (Frauen waren mitgemeint) widmete. Mit Referenz auf und Reverenz an Wendelin Schmidt-Dengler haben bei dieser Gelegenheit Literaturwissenschaftler(innen) mit unterschiedlichen Erkenntnisinteressen tief in ihre Werkstatt und gelegentlich in ihre Seele schauen lassen und ich fühle mich bestätigt in meiner Annahme, dass ich mit dem „Possession-Syndrom“ nicht alleine bin. Dieses Syndrom habe ich an mir nach der Lektüre des Romans von A. S. Byatt entdeckt. In ihm stehen die Literaturwissenschaftler(innen) irgendwann mit Schaufeln auf dem Friedhof, um die Särge „ihrer“ Dichterin und „ihres“ Dichters auszugraben, um an die Dokumente zu kommen, die ihnen für den Beweis ihrer biographischen Thesen noch fehlen.

Ich danke den Veranstaltern der Konferenz Daniela Strigl, Franz Eybl, Stephan Kurz und Michael Rohrwasser sehr herzlich dafür, dass sie mir die Möglichkeit geboten haben, über Betty Paolis dichterische Einkleidung – durch sie selbst und durch ihre Biograph(inn)en – zu sprechen!

Montag, 19. September 2011 von Karin S. Wozonig
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Widmung An Ida

Daß ich, als jeder Trost mir fern gelegen,
Und meiner Hand der Hoffnung Stab entwunden,
Inmitten all der Larven dich gefunden,
Ich nenn‘ es meines Lebens höchsten Segen!

Jetzt wandeln wir schon lang auf gleichen Wegen,
Die heitern theilend und die trüben Stunden,
Und schreiten, fester, inn’ger stets verbunden,
Dem letzten, nachtverhüllten Ziel entgegen.

Vor dir, so hoff‘ ich, werd‘ ich es erreichen!
Vor dir, wird des Befreiers milde Hand
Mich aus dem Buche der Lebend‘ gen streichen!

Und, wenn im Grab ich deinem Blick entschwand,
Dann sei dir dieses Buch ein Liebeszeichen,
Ein stiller Gruß aus fernem Geisterland!

Betty Paoli: Neueste Gedichte. 1870

Samstag, 17. September 2011 von Karin S. Wozonig
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Relative Peinlichkeit

Aus dem Tagebuch von Marie von Ebner-Eschenbach: „Flora findet die Gedichte Betty Paolis an Ida so schrecklich. Es werden sich die Leute darüber lustig machen, meint sie. Das glaube ich doch nicht.“

Dienstag, 13. September 2011 von Karin S. Wozonig
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Am 5. September

An Ida.

Als dämmernd noch das Leben vor mir lag,
Mein Herz noch nichts errungen, nichts verloren,
Nicht ahnt‘ ich da, daß mir an diesem Tag
Mein bestes Kleinod ward zur Welt geboren!

Nicht ahnte ich, daß heut‘ der hellste Stern
An meinem Horizonte aufgegangen,
Daß meines Wesens innerlichster Kern
Den vollen Abschluß heute erst empfangen.

Ich ahnt‘ es nicht; erst jetzt erkenn‘ ich’s ganz!
Nur eines kann ich auch noch jetzt nicht fassen:
Daß deiner Liebe heller Strahlenkranz
Auf meine Stirn sich mochte niederlassen.

Es heißt ja doch, daß nur um Gleich und Gleich
Die Bande sich wahrhaft’ger Freundschaft weben.
Du aber bist so reich, so überreich,
Und ich, – – was hab‘ ich Arme dir zu geben?

Nichts als mich selbst! doch diese Gabe schafft
Dir Sorgen nur und immer neue Mühen!
Denn stützen mußt du mich mit deiner Kraft,
Dein böses altes Kind zum Guten ziehen.

Du mußt, bald ernst und streng, und bald gelind,
Hier raten, trösten, strafen dort und wehren,
Und die Gedanken, die das Leben sind,
Den erdgebund’nen Geist erst denken lehren.

Tief schmerzlich überkommt mich’s manchesmal:
O daß ich früher, früher dich gefunden,
Als ungetrübt noch meines Auges Strahl,
Und meine Brust noch rein von Schuld und Wunden!

Dann wäre nie des Samums glüher Hauch
Vergiftend über mich hinweggegangen!
Ich gliche nicht dem blitzversengten Strauch,
Und könnte geben, statt nur zu empfangen!

Doch, hat voreinst nicht aus des Heilands Mund
Die schmerzenmüde Welt dies Wort vernommen:
»Für jene nicht, die kräftig und gesund,
Nein! für die Kranken ist der Arzt gekommen«?

Du treuer Arzt! so hast, als, wüst und wirr,
Das Fieber mich der Leidenschaft bezwungen,
Du mich gepflegt, und liebest nun in mir
Die Beute, die dem Tod du abgerungen!

Betty Paoli: Neueste Gedichte, 1870

Dienstag, 6. September 2011 von Karin S. Wozonig
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Die selbsterfunde Lebensgeschichte

Seit Jahren beschäftigt mich die Frage, wie mit der Biographie einer Autorin oder eines Autors umzugehen ist. Sind Lebensgeschichten relevant für das Verständnis literarischer Texte? Ist es zulässig, „autobiographische Bezüge“ in Romanen zu finden oder gilt nicht viel mehr: In einem Roman ist alles, aber auch wirklich alles fiktiv (weil es andernfalls kein Roman wäre)? Und sind die Lebensgeschichten, die Autorinnen und Autoren von sich selbst erzählen, Bestandteil ihres Lebens oder ihres Werks? Was ist, wenn sie viele verschiedene Geschichten von sich erzählen, jede gleich wahr – wenn auch nicht gleich wirklich?

Die vorläufigen Ergebnisse meiner Überlegungen in Bezug auf den konkreten Fall Betty Paoli darf ich im Rahmen der Veranstaltung „Der Dichter und sein Germanist“, einem Symposion in memoriam Wendelin Schmidt-Dengler, veranstaltet vom Institut für Germanistik der Universität Wien und der Österreichischen Gesellschaft für Literatur vorstellen.