Sonntag, 8. August 2010 von Karin S. Wozonig
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Betty Paoli über Literatur und Entsagung

In der Zeit des Biedermeier ist das romantische Ideal von der Einheit von Kunst und Leben nicht aufrecht zu halten. Die Gesellschaft der sich emanzipierenden Bürger braucht zuverlässige Mitglieder, die ihre Leidenschaften zähmen und eine klare, effiziente Aufteilung der Sphären befolgen. Die Dichter der Zeit sind Grenzgänger zwischen den Welten, die sich den bürgerlichen Anforderungen entziehen und sie dadurch stabilisieren. Gilt das auch für die Dichterinnen? In diesem Beitrag wird das Werk der österreichischen Lyrikerin und Journalistin Betty Paoli  (1814-1894) zu diesem Thema befragt…

Weiterlesen: Karin S. Wozonig: Kunst oder Leben. Betty Paoli über Literatur und Entsagung. In: Strategien des Entziehens: sinnhaft 22. Hg. von Hyperrealitätenbüro

Mittwoch, 30. Juni 2010 von Karin S. Wozonig
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Lyrische Gedichte, eine Gebrauchsanweisung, 3. und letzter Teil

Oder: Ein Hinweis für den Ecocriticism

Denn wie soll ein lyrisches Gedicht genossen sein?
Man muß es mit innerer Sammlung anklingen lassen an die Saiten des Innern, auf daß diese mitklingen und nachzittern. Ist doch alles Verstehen auf dem Gebiete der Kunst ein Nachzeichnen, ein Miterleben, ein Sichhineinversetzen, Sichhineinfühlen!
Man soll nicht in Hast, wie es uns die Tagesberichte zur leidigen Gewohnheit machen, eins nach dem andern überfliegen oder verschlingen, sondern die Empfindungen müssen nachempfunden werden, müssen verschmelzen mit den unsrigen, auf daß allmählich die Gedichte innerer Besitz werden, wir immer und immer wieder gerne zu ihnen zurückkehren, daß immer mehr und mehr von unserem eigenen Erleben zwischen den Zeilen mittönt und immer neue ungeahnte Schönheit, wie ein liebliches, geheimnisvolles Wunder, sich uns erschließt. Und wie wonnig ist dies, wenn zugleich der Blick traumverloren durch den stillen Wald schweift, wo die Wipfel rauschen, nur hier und da eine Meise zirpt, ein Specht klopft oder in der Ferne eine Hohltaube ihr „gurrgurr“ erhebt, oder wenn die Möwen über die Wellen der See dahinflattern, um die Wette mit den huschenden, blinkenden Sonnenstrahlen!

Aus: Alfred Biese: Lyrische Dichtung und neuere deutsche Lyriker. Berlin: Hertz, 1896

Mittwoch, 16. Juni 2010 von Karin S. Wozonig
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Lyrische Gedichte, eine Gebrauchsanweisung, 2. Teil

Wie soll ein lyrisches Gedicht genossen werden, und was ist, und wie entsteht ein lyrisches Gedicht?

Wer hat denn Muße, zu träumen, Muße, sich einzuspinnen in das Reich des schönen Scheins, und nun gar in das Reich lyrischer Empfindungen? Ist nicht Lyrik weiche, süßliche Kost, unwürdig eines zum praktischen, zum „politischen“ Leben und Denken erwachten Deutschen?

Es giebt eben immer noch Leute – und die Race wird nie aussterben -, welche, nicht zufrieden mit des Tages Treiben, mit Kämpfen und Ringen, über der realen Alltagswelt sich eine ideale Welt aufbauen müssen, welche ein Doppelleben führen …, ernst und streng und gewissenhaft ihrer praktischen Arbeit sich hingeben und dann in stillen, geweihten Stunden des Ausruhens dem Schönen alle ihre Herzenspforten öffnen, welche in der Morgenfrühe in den Wald hinauseilen, im Schatten der Bäume ruhen oder an die See aus der Enge der Stadt sich flüchten, an den murmelnden Wellen träumen oder in die großartige Einsamkeit der Bergesriesen emporstreben und zur Begleitung ein Büchlein mitnehmen, und zwar gerade ein Bändchen lyrischer Gedichte.

Aus: Alfred Biese: Lyrische Dichtung und neuere deutsche Lyriker. Berlin: Hertz, 1896

Mittwoch, 9. Juni 2010 von Karin S. Wozonig
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Lyrische Gedichte, eine Gebrauchsanweisung, 1. Teil

Wie soll ein lyrisches Gedicht genossen werden, und was ist, und wie entsteht ein lyrisches Gedicht?

Es giebt vielleicht kein Wort, das so kurz und treffend unsere Zeit charakterisierte, als „Unrast“. Wer will sagen, wer es zuerst geprägt hat? Es ist aber durch und durch modern, es ist, um mit dem Zeitjargon zu reden, fin de siècle. … Aber Unrast ist ein Kind unserer Tage, dem Begriffe wie dem Worte nach. Es trägt den Stempel der jüngsten Gegenwart. Es bezeichnet den Dämon, der die moderne Kulturmenschheit umtreibt, es ist die Pandora-Büchse alles Unheils, wie es sich kundgiebt in der Nervosität und Sinnnenüberreizung, in der Gier nach Genuß, in dem Unfrieden der Seelen, dem blasierten Pessimismus und Materialismus, in dem Hasten nach Abwechselung, in dem Streben nach dem innerlich wertlosen Tand von äußeren Ehren und Auszeichnungen und in dem immer mehr gesteigerten Raffinement des Genießens aller Art, aber auch in der Unfähigkeit, die Gedanken und Empfindungen in aller Stille und Ruhe zu pflegen und ausreifen zu lassen und sich dem Zauber der Dichtung und der Denkarbeit der großen Geister der Menschheit in weihevoller Sammlung hinzugeben. …

Welche Frage hört man wohl heute häufiger, wenn von Poesie die Rede ist, als: Wer liest denn noch lyrische Dichtungen? Und wer so fragt, wer sich verächtlich von ihnen abkehrt, der steht eben unter dem Banne der „Unrast“ unseres Lebens. Er ist nur eine der vielen Stimmen, die da jene Abwendung von dem Idealen zu dem Praktischen und Materiellen, die Nüchternheit der Denkart, die überall den Schwung und eine höheren, auf das Allgemeine gerichteten Auffassungsweise verdrängt hat, und jene Mißachtung alles dessen, was an das Gefühlsmäßige heranstreift, verraten. [Fortsetzung folgt]

Aus: Alfred Biese: Lyrische Dichtung und neuere deutsche Lyriker. Berlin: Hertz, 1896

Montag, 19. April 2010 von Karin S. Wozonig
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Bacillus Librorum

Der Salon „Kaffeehausgespräche“ widmet sich nicht nur der schönen Literatur (Belletristik), sondern Büchern im Allgemeinen, wie Sie am Thema des nächsten Termins – „Ratgeberliteratur“ – sehen können.

In diesem Zusammenhang möchte ich etwas zum Thema „bacillus librorum“ bemerken. Es handelt sich dabei um einen Krankheitserreger, der die Bibliomanie auslöst. Diese unterscheidet sich von der Bibliophilie dadurch, dass der Bibliomane vor verbrecherischen Taten nicht zurückschreckt, um an ein Buch zu kommen und seine Büchersammlung zu vergrößern. Die Übergänge zwischen Bibliophilie und Bibliomanie sind fließend, nehme ich an.

Entdeckt wurde der bacillus librorum im neunzehnten Jahrhundert von einem Herrn Dr. O’Rell. Das versichert glaubhaft Eugene Field (1850-1895) in seinem, tja, Roman „Love Affairs of a Bibliomaniac“ (1895).

Dr. O’Rell has an interesting theory which you will find recorded in the published proceedings of the National Academy of Sciences (vol. xxxiv., p. 216). Or, if you cannot procure copies of that work, it may serve your purpose to know that the doctor’s theory is to this effect—viz., that bibliomania does not deserve the name of bibliomania until it is exhibited in the second stage. For secondary bibliomania there is no known cure; the few cases reported as having been cured were doubtless not bibliomania at all, or, at least, were what we of the faculty call false or chicken bibliomania.

“In false bibliomania, which,” says Dr. O’Rell, “is the primary stage of the grand passion—the vestibule to the main edifice—the usual symptoms are flushed cheeks, sparkling eyes, a bounding pulse, and quick respiration. … The sufferer now stands in a slippery place; unless his case is treated intelligently he will issue from that period of gloom cured of the sweetest of madnesses, and doomed to a life of singular uselessness.

“But properly treated,” continues Dr. O’Rell, “and particularly if his spiritual needs be ministered to, he can be brought safely through this period of collapse into a condition of reenforced exaltation, which is the true, or secondary stage of, bibliomania, and for which there is no cure known to humanity.”

I should trust Dr. O’Rell’s judgment in this matter, even if I did not know from experience that it was true. For Dr. O’Rell is the most famous authority we have in bibliomania and kindred maladies. It is he (I make the information known at the risk of offending the ethics of the profession)—it is he who discovered the bacillus librorum, and, what is still more important and still more to his glory, it is he who invented that subtle lymph which is now everywhere employed by the profession as a diagnostic where the presence of the germs of bibliomania (in other words, bacilli librorum) is suspected.

I once got this learned scientist to inject a milligram of the lymph into the femoral artery of Miss Susan’s cat. Within an hour the precocious beast surreptitiously entered my library for the first time in her life, and ate the covers of my pet edition of Rabelais. This demonstrated to Dr. O’Rell’s satisfaction the efficacy of his diagnostic, and it proved to Judge Methuen’s satisfaction what the Judge has always maintained—viz., that Rabelais was an old rat.

Freitag, 11. September 2009 von Karin S. Wozonig
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Mysterien

Was passiert mit einem Menschen, der völlig isoliert aufwächst? Er stirbt, oder?

Sonntag, 6. September 2009 von Karin S. Wozonig
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Kaffeehausgespräche gehen weiter

Die Tradition des Salons soll nicht enden. Deshalb gehen die Kaffehausgespräche weiter. Und zwar am 16. September 2009 um 19.00 im Café Catwalk, welches früher Café Heile Welt hieß, was ganz gut gepasst hat (”Catwalk” passt immerhin zu meinem vorigen Blogeintrag). Diesmal soll es um “Lesegewohnheiten” gehen. Das ist ein Thema, das meine Ex-Ko-Salondame Maria Poets vorgeschlagen hat. Ihre Vermutung: Wir sind mit unseren Eigenheiten (Banknoten als Lesezeichen, farblich sortierte Bücherstapel, Gedichte nur an ungeraden Tagen…) nicht allein. Ich bin gespannt.

Freitag, 24. Juli 2009 von Karin S. Wozonig
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Es ist wohl gerade Zeit…

für Alexander von Villers. Im morgigen Standard erscheint ein interessanter Artikel von Walter Kappacher über den geistreichen Herrn. Der Text erscheint in der Album-Reihe “Ein Mensch im Bild”.

Mittwoch, 22. Juli 2009 von Karin S. Wozonig
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Wir lassen leben

Man sollte wirklich meinen, wir hätten samt und sonders nur ein paar Jahre zu leben gehabt, die hätten wir allesamt zusammengeschossen, und wie uns ein junger lebensfroher Bursche begegnete, hätten wir ihm gesagt: “Sind Sie nicht der junge Herr Goethe aus Frankfurt am Main? Da nehmen Sie uns gefälligst den ganzen Bettel ab, es ist nicht der Rede wert, tun Sies zu dem Ihrigen und machen Sie damit, was Sie wollen.” Der hat nun zwischen Juristerei, Archäologie, Astrologie, Physik und Farbenlehre, auch zwischen Finanzreferaten und Theaterintendanturgeschäften gepfiffen und gesungen, und nun kaufen wir unsere Jugend bei Cotta zurück und studieren tiefsinnig dieselbe Lyrik, die wir selbst hätten leben, genießen, pfeifen und singen können.

Alexander von Villers an Alexander von Warsberg am 23.9.1879. Aus: Briefe eines Unbekannten. Aus dessen Nachlaß neu herausgegeben von Karl Graf Lanckoronski und Wilhelm Weigand. 2. Band. Leipzig: Insel 1910. 282f.

Freitag, 8. Mai 2009 von Karin S. Wozonig
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Originelle Literaturveranstaltung

S.T.I.L. e. V., der Förderverein für Sprachkunst und Literaturvermittlung in Person von Erika Werner, hat sich eine besondere literarische Veranstaltung ausgedacht: “doppelt genäht…” heißt die Reihe und irgendwie geht es immer um zwei Stimmen. Das nächste Mal lesen die Autorin Almut Tina Schmidt und der Autor Thomas Stangl “jeder aus dem eigenen neuen Roman und aus dem des anderen”. Hingehen, anhören!

Donnerstag, 14. 5. 2009, 20.00 Uhr, Café Heile Welt, Weidenallee 10 b (Hinterhof), 20357 Hamburg