Freitag, 2. März 2012 von Karin S. Wozonig
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Nationale Gedichte

Neben der Erkundung meines neuen Wohnorts beschäftige ich mich zur Zeit mit dem Thema Nationalismus. Ich habe im Alltag oft Gelegenheit, über die Bedeutung von Patriotismus und die Aktualität von nationalen Symbolen nachzudenken, interessiere mich aber – wie meistens – mehr für die Geschichte als für die Gegenwart.

Wie bei vielen anderen Dingen (z.B. Arbeitsteilung, Geschlechterrollen, Individualismus), die für uns heute eine Selbstverständlichkeit erreicht haben, die sie argumentativ an Natürlichkeit grenzen lassen, ist es auch beim Thema Nationalismus ratsam, ins neunzehnte Jahrhundert zurückzublicken, um die basalen Mechanismen zu verstehen.

Für die jährliche Konferenz der Austrian Studies Association (früher MALCA), die unter dem Motto AEIOU: GLOBAL AUSTRIA steht, bereite ich einen Vortrag über einen Text von Hieronymus Lorm vor. In „Wien’s poetische Schwingen und Federn“ (1847) wird das österreichische „Nationalgemüt“ auf sehr interessante Weise mit ästhetischen Kriterien verquickt und auf eine Art lebendig gemacht, die über die Frage hinausreicht, was ein deutsches Gedicht von einem Dichter mährischer, ungarischer oder ruthenischer Herkunft über die Begründung einer Kulturnation im Vorfeld der sogenannten bürgerlichen Revolution aussagt. Ich freue mich schon darauf, über diesen Text im Rahmen der Konferenz zu diskutieren.

Freitag, 17. Februar 2012 von Karin S. Wozonig
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Ein kalifornisches Kaffeehausgespräch

Ich versuche die Tradition des literarischen Salons, den ich 2008 auf Anregung der “Grande Dame der Hamburger Literaturszene” – (c) Welt am Sonntag – gegründet habe, in meinem derzeitigen Wohnort weiterzuführen. Die “Kaffeehausgespräche” finden heute mit dem Thema “Lesen Sie Deutsch? Von Originalen und Übersetzungen” in der “Konditorei” statt.

Montag, 13. Juli 2009 von Karin S. Wozonig
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Raum und Literatur, Schluss

“Und manchmal wirkt der erfundene Raum in die Wirklichkeit zurück. Das kann man ganz deutlich an einem Teil der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts beobachten. Die liberalen Autoren des Vormärz fordern, dass die deutsche Kleinstaaterei aufhört, dass ein geeintes, demokratisches Deutschland unter preußischer Führung gegründet wird. Und weil sie das fordern, schreiben sie sozusagen die deutsche Nation herbei, indem sie ihren literarischen Orten einheitliche, deutsche Merkmale geben. [...] Nicht, dass es ohne Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen Deutschland in seiner heutigen Form nicht gäbe, aber ich denke doch, dass dieser Ort in der Literatur auf die Wahrnehmung seiner Leser recht mächtig gewirkt hat und vielleicht immer noch wirkt.”

Auszug aus: Einleitung zum Kaffeehausgespräch am 17. Juni 2009, Thema: Mit anderen Augen. Orte in der Literatur

Dienstag, 30. Juni 2009 von Karin S. Wozonig
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Raum und Literatur 2. Teil

“Stark vereinfacht könnte man als nächsten Befund aufstellen: Orte der Handlung können erfunden oder nicht erfunden sein. Gehen wir davon aus, dass wir uns einig sind, was ‘nicht erfunden’ bedeutet. Jetzt ist es natürlich interessant zu fragen: Was bedeutet ‘erfunden’? Es gibt die Möglichkeit zu behaupten, dass alles was in einem literarischen Text steht, erfunden ist, weil es das Charakteristikum von Literatur ist, nicht wahr zu sein – schon allein deshalb, weil es sich ja nur um Zeichen (Buchstaben, Wörter…) handelt. Aber da kann man ganz schön in die Bredouille kommen. Erstens weil auch in einer völlig frei erfundenen Handlung immer in der Wirklichkeit existierende Gegenstände vorkommen, sonst würden wir gar nicht erkennen worum es geht. Zweitens, weil es durchaus auch Literatur gibt, die deshalb funktioniert, weil sie gerade nicht nur erfunden ist [...].

Kurz gesagt, ‘nicht erfunden’ ist nicht eindeutig. Dafür benützt die Literaturwissenschaft das schöne Wort Fiktionalität. Fiktionalität bezeichnet eine Aussage, die keinen Wahrheitsanspruch erhebt. Das bedeutet: Die Gegenstände, über die die Aussage etwas aussagt, müssen nicht existieren. Das bedeutet aber auch: sie können existieren. Das hat interessante Folgen: Fiktionalität ist ein relationales Kriterium, es steht in Relation zur Wirklichkeit. Und wegen der sich daraus ergebenden Offenheit (sie kann erfunden sein oder eben auch nicht), hat Fiktion – also Literatur – die Eigenschaft, wahrer zu sein, als die Wirklichkeit. Aber das ist ein zu weites Feld, fürchte ich, ich kehre zum Ort zurück.

Ich versuche es so auszudrücken: Orte in der Literatur sind Mischformen aus erfundenen und nicht erfundenen Orten, die im Kopf von Autorinnen/Autoren oder Leserinnen und Lesern entstehen. Durch die Relationalität von Fiktionalität ergibt sich: An der Sprache allein kann man nicht erkennen, ob ein Ort in der Literatur erfunden ist oder nicht.”

Auszug aus: Karin S. Wozonig: Einleitung zum Kaffeehausgespräch am 17. Juni 2009, Thema: Mit anderen Augen. Orte in der Literatur

Montag, 22. Juni 2009 von Karin S. Wozonig
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Raum und Literatur 1. Teil

“Der Ort in der Literatur, der war immer schon interessant für die Literaturwissenschaft, aber in den letzten Jahren ist er besonders intensiv untersucht worden, denn seit der Mitte der 1990er Jahre ungefähr fühlen sich viele LiteraturwissenschaftlerInnen als KulturwissenschaftlerInnen, das heißt: zuständig für mehr als nur für literarische Texte. Sie schauen über den Tellerrand hinaus und sehen, was die anderen machen. Und die anderen – die Soziologie z.B. – haben etwas entdeckt, was zum Spatial Turn führte: der Raum – in der Einzahl – wurde als wissenschaftliches Objekt immer interessanter. Für die Literaturwissenschaft heißt das, neben dem literarischen Schauplatz werden auch „Kultur-“, „Kommunikations-“ und „Gedächtnisräume“ interessant. Raum wird also als kulturelle Größe gesehen, was uns völlig einleuchtend erscheint, weil ja auch in der Alltagssprache Raum und Bedeutung zusammengehören – wir orientieren uns ja darin, und sei es, indem wir “über den Tellerrand schauen”. Oder wenn wir hier im Salon gleich über Orte in der Literatur sprechen werden, und vielleicht einige von Ihnen eine Meinung „in den Raum stellen“ werden.” (Fortsetzung folgt)

Auszug aus: Einleitung zum Kaffeehausgespräch am 17. Juni 2009, Thema: Mit anderen Augen. Orte in der Literatur